„Wir sind besser als Computer“

Jedes Semesterende das Gleiche: Studierende aller Fachrichtungen blicken einem mühevollen Kampf entgegen. Die Prüfungsvorbereitung beginnt, Unibibliotheken füllen sich und die klugen Köpfe rauchen. Computern fällt die Verarbeitung von Informationen viel einfacher. Können wir uns an ihrer Arbeitsweise orientieren? Im Gespräch mit Tim Reichel, Studienberater und Autor von studienscheiss.de.

"Wir sind besser als Computer" - Tim
Mit dem Blog auf www.studienscheiss.de und seinen Büchern hilft Tim Reichel nicht nur Studierenden der RWTH Aachen.

Spree: Aufgaben schnell zu beenden wurde in unserer Kindheit zum schlechten Benehmen erklärt. Lag dein Stift zu früh auf dem Tisch, schimpften Eltern wie Lehrer: „Such dir nicht immer den leichtesten Weg!“. Für diese Moral fehlt uns an der Uni jedoch häufig die Zeit. Wurden wir in einem Irrglauben erzogen?

Tim: Wichtigen Lernstoff von unwichtigem zu unterscheiden, wird dir nicht beigebracht. Als Student musst du selbst herausfinden, wie das geht. Da wir mittlerweile von Informationen überhäuft werden, ist diese Einschätzung essentiell. Neben deinen Skripten und Lernmaterialien findest du im Internet jedes Buch, jeden Fachartikel und jede Website. Niemand kann alle verfügbaren Inhalte lesen. Für den Erfolg in der Prüfung ist eine kluge Auswahl entscheidend.

S: Wie filtere ich denn die richtige Auswahl?

T: Es gibt unterschiedliche Herangehensweisen. Lerne ich für die Note, stelle ich mir einen möglichen Entwurf der späteren Prüfung vor. Dazu übe ich Altklausuren, rede mit Studenten aus früheren Semestern oder suche online nach Gedankenprotokollen. Dementsprechend optimiere ich meine Lerntechnik.

S: Klingt nach einem sicheren Weg, die Prüfung zu bestehen. Ist das alles, was das Studium von uns verlangt?

T: In einigen Fächern ist das in Ordnung. Doch dafür studieren wir ja nicht! Beschäftigst du dich umfangreicher mit den Lerninhalten, entwickelst du nachhaltig ein tieferes Verständnis für dein Studienfach. Willst du aber alles grundlegend verstehen, wird die Stoffeingrenzung schwierig. Ein Gesamtüberblick hilft, sich nicht in Details zu verlieren. Was will der Dozent in seiner Vorlesung vermitteln? Was hebt er hervor? Orientierst du dich an seinem „Global Picture“, kannst du die Wichtigkeit von Informationen besser einordnen.

S: Unsere Eltern, Großeltern oder Profs hatten in unserem Alter noch keine Smartphones in der Hosentasche. Sind ihre Meinungen zu Leistung nicht überholt? Wie passen damalige Erwartungen mit dem Alltag der Digital Natives zusammen?

T: Der Wert einer Information hat sich verändert. Früher war es bereits eine Leistung, sich Inhalte zu beschaffen. Das Finden von Büchern und Artikeln, die Bereitstellung von Wissen, ist heute keine Hürde mehr. Wir stehen vor der Herausforderung, die unzähligen Inhalte und Quellen zu bewerten. Suchen, sammeln, zusammenstellen – der Unterschied zu älteren Generationen ist eine Verschiebung hin zu „Überblick gewinnen, bewerten und Relevantes erkennen“. Lückenloses Durcharbeiten aller Literaturhinweise ist nicht mehr der Königsweg.

S: Viele Aufgaben geben wir ab, Fleißarbeit lassen wir zunehmend von computergestützter Software erledigen. Was wir für die Uni auswendig lernen, ist mit drei Stichwörtern gegoogelt. Ändern sich damit nicht die Anforderungen des Studiums?

T: Weitläufig funktioniert Studieren genauso wie vor 20 Jahren. Nun sind die Problemstellungen jedoch komplexer, ihre Lösungsverfahren einfacher. Wir benutzen Taschenrechner und recherchieren schon während der Vorlesung auf dem Smartphone. Lernmethoden sowie Prüfungsanforderungen sind dabei zurückgeblieben; zeitgemäß ist die reine Wissensabfrage nicht mehr. Es kommt darauf an, Inhalte zu kennen und kritisch einordnen zu können – eine Fähigkeit, die uns von Maschinen unterscheidet. Obwohl wir auf eine angepasste Kompetenzlehre angewiesen sind, klappt stupides Auswendiglernen noch immer.

S: Faulheit gilt als Untugend und bereitet Studierenden regelmäßig ein schlechtes Gewissen. Gerade aber unsere effizient arbeitenden Computer nutzen faule Auswertungsstrategien: Ist ein Input irrelevant für die Lösung eines Problems, wird er vom Algorithmus ignoriert. Software ist praktisch auf Gemütlichkeit programmiert. Wie schauen wir uns davon etwas ab?

T: Trotz Bequemlichkeit können wir durchaus produktiv sein. Lernfaule Studenten entwickeln häufig clevere Strategien. Das geht lediglich nach hinten los, wenn du priorisierte Aufgaben liegen lässt. Arbeitest du fokussiert mit relevanten Inhalten, setzt du deine Zeit einfach anders ein. Folglich ist ein „faules Auswerten“ des Stoffs auch für uns sinnvoll.

S: Dabei ist es doch normal, unkomplizierte und schnelle Lösungen zu suchen. Immerhin werden Programme von Menschen eingetippt; sie basieren also auf unseren Denkansätzen. Warum fällt es vielen Studierenden häufig schwer zu differenzieren, was sie wirklich lernen müssen?

T: Schule vermittelt uns nicht den Umgang mit der Informationsflut. Wir bekamen Stoff vorgesetzt und wussten, was damit zu tun war. Im Studium bist du schnell überfordert: Die Bibliothek ist voll, das Internet ist voller. Dennoch wurden uns keine Strategien gezeigt, wie wir uns einen Überblick verschaffen. Das führt uns zurück zur Sicht des Dozenten. Versetzen wir uns in seine Lage, entscheiden wir aus seiner Sicht. Somit führen wir uns das Relevante vor Augen und grenzen den Stoff besser ein.

S: Optimieren wir auf diese Weise unsere eigenen Auswertungsstrategien?

T: Möchtest du etwas optimieren, brauchst du ein Ziel. Für eine ergebnisorientierte Prüfungsvorbereitung bedeutet das: den Stoff sammeln und eingrenzen; dann verdichten und aufbereiten, um ihn schließlich zu lernen und zu wiederholen. Das ist eine Notenmaximierungsstrategie. Nur das Klausurrelevante zu lernen geht an einer realistischen Idee von Bildung jedoch vorbei. Vielleicht interessiert dich ein bestimmtes Thema, aus dem du mehr rausholen willst. Dann begib dich auf die Suche: Welche Forschungsansätze sind auf diesem Gebiet aktuell, was ist in den Medien? Oder was fehlt mir, was finde ich gut?

S: Also hat eine niedrigere Laufzeit nicht immer Vorteile…

T: Wir übernehmen eben nicht nur die faulen Auswertungsstrategien von Computern. Dadurch sind wir ja besser als die! Nach links und rechts zu schauen bietet uns die Chance weiterzudenken. Dadurch können wir explizite Schwerpunkte setzen und dort den Stoff individuell erweitern. Das ist das Schöne am Studium, das was Spaß macht. Gleichzeitig besteht die Gefahr, sich zu verzetteln. Uneingegrenztes Interesse gepaart mit Perfektionismus führt ins Chaos. Willst du alles verstehen, wird der Informationsinput zu groß. Reduzieren musst du den Stoffumfang in jedem Fall. Die Indikatoren dafür sind individuell.

S: Worauf kommt es nun im Studium an? – Im Unterschied dazu, worauf es bei der Prüfungsvorbereitung ankommt.

T: Für mich ist das Studium eine Investition in die persönliche Entwicklung. Die passiert gewiss nicht durch stures Auswendiglernen von Texten, die der Dozent vorgibt. Was dich interessiert und begeistert, findest du nicht immer auf dem Lehrplan. Investiere zusätzliche Zeit, denke über eine Frage nach, forsche oder arbeite an einem Projekt. Womöglich ist nichts davon prüfungsrelevant, lässt dich aber nachts nicht schlafen. Es ist schade, wenn junge Leute ihr Studium ausschließlich als Notensammelbecken sehen. Aus meiner Sicht ist das Zeitverschwendung.

S: Andererseits wird Performance anhand dieser Kennzahlen gemessen und bewertet. Wie lösen wir das Problem?

T: Eine zielstrebige Examensvorbereitung und übergeordnete Bestreben stehen nicht zwangsläufig im Widerspruch. Sie gehen Hand in Hand; trotzdem überlagert eines immer das andere. Eine Woche vor meiner Prüfung den x-ten themenspezifischen Artikel zu lesen, ist eventuell eine falsche Entscheidung. In derselben Zeit könnte ich mir ein vernünftiges Klausurergebnis sichern. Richte ich mein Handeln jedoch vollständig nach Noten aus, verfehlt das Studium seinen Sinn. Beiden Seiten gerecht zu werden ist schwierig, aber auch der Reiz des Studierens.

S: Für welche Seite würdest du dich entscheiden, wenn du wählen müsstest?

T: Meine Wahl wäre definitiv ein Gebiet, in dem ich voll aufgehe. Das hat immer ein höheres Gewicht als irgendeine Kennzahl.