Wie Berlin dich zum Menschenhasser macht

Vom naiven Landei zum entnervten Hipster: Die Hauptstadt macht etwas mit den vielen zugezogenen Studenten. So auch mit Autorin Miriam Nomanni, die nach sechs Jahren Berlin fotohungrigen Touristen den Mittelfinger zeigt und Moorhuhn mit Passanten auf dem Radweg spielt.

Wutradlerin Nomanni
Auf dem Radweg Moorhuhn spielen: Miriam Nomanni hat Touristen satt, die ihr im Weg stehen. Illustration: Manon Scharstein

In der dörflichen Idylle ist alles anders. Durch das Landleben sozialisiert, grüßt du auf dem Dorf artig jede Person, die dir beim morgendlichen Spaziergang über Wiesen und Felder begegnet. Mit der Kassiererin im einzigen Supermarkt bist du verwandt und per Du. Postbote Lutz klingelt pünktlich jeden Tag um 14 Uhr an der Haustür. Und zu Weihnachten bekommt er eine Packung Merci. Das gehört sich nämlich so.

Sechs lange Jahre Berlin verwandeln dich aber vom Gutmenschen in einen grantigen, übel gelaunten Wutbürger. Diese Wandlung vollzieht sich schleichend, bis eines Tages mit einem Knall, verbunden mit einer Wuttirade gegen eine Touristin, die dir mit dem Rollkoffer über den Fuß gefahren ist, der Transformationsprozess zur Misanthropin vollendet ist.

Du hasst Touristen. Und Fahrradfahrer. Und am meisten fahrradfahrende Touristen, die ein Vorankommen am Check-Point-Charlie unmöglich machen. Dabei willst du doch nur zu der blöden Vorlesung. Vorfahrt für Studierende – dafür sollte sich der Bürgermeister einmal einsetzen. Aber der hat wohl zu viel mit dem Pannenflughafen BER zu tun.

Moorhuhn auf dem Radweg spielen

Es sind die Auswärtigen, die am Potsdamer Platz scheinbar noch nie von dem Konzept eines Fahrradweges gehört haben. Oder noch schlimmer: Sie ignorieren deine Klingelarie schlicht und ergreifend. Auch dein schriller Ruf „This is a fucking bike lane, you idiot!“ hilft nur bedingt. Nach dem zehnten Mal rufst du auch nicht mehr. Du fährst, du klingelst, du hältst drauf. Moorhuhn-Revival. Ich mache mir nichts mehr draus, die 90er sind ja sowieso schwer im Trend.

Der zehnte Obdachlose, der dir versucht eine Motz zu verkaufen oder dich um Geld anschnorrt, lässt die kleine Ader auf deiner Stirn langsam pulsieren. Armut hin oder her: Die läppischen drei Euro, die du für deinen Flat White ausgegeben hast, sind besser in dich investiert. Die drei Minuten Kaffeegenuss willst du kompromisslos auskosten. Ganz ohne Lärm- und Geruchsbelästigung.

Berliner Schnauze für Touristen

Und wenn wieder eine Gruppe von Touristen aus dem asiatischen Raum versucht, dich beim Betreten deiner Fakultät lautstark rufend zu fotografieren, zeigst du ihnen nur noch den Finger. Genau diesen. Und dann überlegst für einen kurzen Augenblick, sie gleich mit der um ihren Hals baumelnden Kamera zu erwürgen. Dass ein Aufenthalt in Berlin mit dem Risiko verbunden ist, der Berliner Schnauze zu begegnen, hätte ihnen doch klar sein müssen?!

Aber das tust du als zivilisierte Städterin natürlich nicht. Du bist immerhin kein Landei mehr und weißt im Gegensatz zu den einfach gestrickten Dorfdeppen, was sich gehört. Du pflegst einen ruhigen Umgangston und lässt dich von den Tücken des Alltags gar nicht mehr aus der Ruhe bringen. Du bist nämlich stressresistent, hast Ahnung von den Dingen, die die Welt bewegen, und als Veganerin setzt du dich sowieso am allermeisten für die Belange dieses wunderschönen Planeten ein.

Endlich hebst du dich von deiner proletarischen Herkunft ab. Nichts erinnert mehr an das Dorf, die Felder und den Postenboten Lutz. Und das bisschen Menschenhass schadet dabei wohl kaum. Oder?