Weihnachtshorror am Alexanderplatz

Der „Alex“ steht synonym für brachiale Platten-Architektur, Drogenhandel und Gewaltdelikte. Der traditionelle Weihnachtsmarkt soll in der Adventszeit den berühmten Platz heimeliger und einladender machen. Ein Besuch auf dem wohl unweihnachtlichsten Weihnachtsmarkt ganz Berlins.

Clara und Elena im Festzelt
Clara Westhoff (li.) und Elena Gassner sitzen gelangweilt im „Partyhaus des Nikolaus“. Jetzt kann die Stimmung nur noch Glühwein retten.

Riesige Menschentrauben schieben sich den Ausgang der U-Bahn hinauf. Gelbe, überfüllte Züge schlängeln sich quietschend unter der Stadt hindurch und pusten immerfort Menschen auf den Bahnsteig. Im Untergrund riecht es nach abgestandenem Bier. Die Menschen stampfen die Stufen zum Alexanderplatz hinauf; jede Stufe bringt sie immer einen Schritt weiter zur Musik. An der Oberfläche angekommen, ist sie deutlich zu hören.

Helene Fischers Retorten-Schlager dröhnt in Dauerschleife über den Weihnachtsmarkt. Berlin Alexanderplatz – hier mischen sich in der Vorweihnachtszeit Glühweinbetrunkene unter Pendler, Kurzzeittouristen unter Alteingesessene. In keinem der unzähligen Gesichter findet sich ein Anzeichen von Weihnachtsstimmung. Die Besucher wirken teilnahmslos, wenn sie an den von Neonlicht beleuchteten Buden vorbeischlendern. So sind sie, vom grauen Schneeregen besudelt, ein Symbol für die Tristesse, die dem Alexanderplatz auch ohne den bizarren Budenzauber innewohnt.

„Der schlechteste Weihnachtsmarkt in all den Jahren“

Fröhlich sieht auch Boris* nicht aus. Er ist ein Urgestein auf dem Weihnachtsmarkt. An seinem Stand verkauft er seit 13 Jahren Devotionalien aus Afrika und Asien. Er ist ein hagerer Mann mit eingefallenen Wangen, der gerne den Kontakt zu seinen Kunden sucht. In seinem Blick spiegelt sich Ernüchterung. Nur wenige Besucher würdigen seine Figuren eines Blickes. Er bringt neue Preisschilder an seine kleinen Kunstwerke an. Jeder einzelne Buddha, jedes Paar Räucherstäbchen wird um die Hälfte reduziert. “Wenn ich noch weiter herunter im Preis gehe, dann macht das alles hier keinen Spaß mehr. Das war der schlechteste Weihnachtsmarkt in all den Jahren.”

Woran liegt das?

Der Berliner Alexanderplatz ist heute ein Synonym für Kriminalität und Gewalt. Seit kurzem besitzt die Polizei eine eigene Station inmitten der Stände. Die Präsenz der Beamten soll das Gefühl von Sicherheit vermitteln. Trotzdem glaubt Boris, dass das schlechte Image des Alexanderplatzes die Menschen vom Weihnachtsmarkt fernhält. “Die latente Terrorangst war schon immer da, das war nie ein Problem. In jeder Zeitung steht aber mittlerweile, dass der Alex zum Hotspot für Kriminalität geworden ist.” Auch trage die Pleite der Air Berlin zur schlechten Lage bei, weil die Wochenendtouristen wegblieben.

Bude auf dem Weihnachtsmarkt am Alex
Lieblos arrangiert: Von Budenzauber ist der Weihnachtsmarkt am Alex weit entfernt.

Taumelnde Gestalten auf der Tanzfläche

Im Zentrum des Weihnachtsmarktes steht ein Festzelt. Das “Partyhaus des Nikolaus” bewachen drei Türsteher, die einem mehr Respekt einflößen als Sven Marquardt vom weltberühmten Club „Berghain“. Nach genauer Musterung durch die drei Muskelmänner, einer Taschenkontrolle und einem Stempel auf dem Handgelenk, sind die Erwartungen an die Festhalle groß. Das Partyhaus erinnert tatsächlich ans Berghain – jeder kennt es, alle sprechen darüber, selber drinnen waren jedoch die Wenigsten. Die Dekoration fällt dürftig aus; auf den Holztischen gibt es ein rotes Teelicht, dann und wann ziert ein Glitzerstern die Wände. Mehr Weihnachten ist nicht drin. Mehrmals im Jahr wird das Holzgerüst zu unterschiedlichen Gelegenheiten aufgebaut, nun eben zur Adventszeit.

Auf der Tanzfläche taumeln fünf einsame Gestalten. Eine Frau Mitte fünfzig sticht aus der Masse heraus. Wie in Trance tanzt sie zu Gloria Gaynors “I Will Survive”. Mit ihrer Kurzhaarfrisur aus dem letzten Jahrzehnt, der weiten Jeans und der Handtasche aus  schwarzem Kunstleder passt sie rein optisch zum Rest der Besucher. Sie hat Spaß am tanzen – auch wenn der DJ Gloria Gaynor immer wieder unterbricht, um die übrigen Gäste zum Tanzen zu animieren. Auf den Bierbänken sitzen gelangweilte Pärchen und frustriert dreinblickende Gruppen von Frauen Ende vierzig. Unbeeindruckt von der bedrückenden Stimmung bewegt sich die Tänzerin in ungelenken Bewegungen durch den Raum. Sie erntet kritische Blicke. Eine Kellnerin im knappen Santa-Kostüm weicht ihr aus und serviert die günstigen Getränke ohne ein Lächeln. Zwischen den Bänken taucht ein älterer Mann mit zerschlissenem Mantel auf. Er spielt mit der Zunge an seinem Gebiss herum, will sich nicht hinsetzen. Um nichts bestellen zu müssen, wandert er hin und her. Bloß nicht auffallen. Bloß nicht rausgeworfen werden. Die Wärme und den Geruch von Sauerkraut aufsaugen, bevor es wieder in die Kälte geht. Nach wenigen Minuten stolpert er hinaus. Raus auf den Platz mit den Buden, den blinkende Berlin-Souvenirs entgegen.

Billige Parfumberge und teure Holzschnitzkunst

Draußen in der Kälte sitzt Ömer* mit Hatice* hinter einem Berg von auffällig billigem Parfum, der die beiden fast verdeckt. “Wir finden, Parfüm gehört zu Weihnachten. Wenn du nicht weißt, was du jemandem schenken sollst, dann ist es am Ende immer Parfum.” Bei den beiden brummt das Geschäft. Ömer lächelt stolz, wenn er an die Anfänge seiner Karriere auf dem Weihnachtsmarkt denkt: “Nach 20 Jahren Abwesenheit führe ich die Familientradition fort und mache, wie mein Vater, einen Stand auf dem Alexanderplatz auf. Es macht wirklich Spaß und man lernt viele internationale Leute kennen.”

Einen Stand weiter werden Holzschnitzereien aus dem Erzgebirge angeboten. Die Motive sind weihnachtlich, alle Teile wurden in liebevoller Handarbeit bemalt. Seit fünf Jahren steht Melanie* zur Adventszeit hinter der Theke. Sie verkauft die Dekostücke aus Überzeugung. Über ihren Standnachbarn kann sie nur den Kopf schütteln: “Ich finde schon, dass viel Schrott verkauft wird. Das Parfum ist definitiv nicht echt. Ich will nicht wissen, was die da alles hineingepanscht haben.“

Ab und zu verirren sich ältere Ehepaare an Melanies Stand, die voller Bewunderung die kleinen Kunstwerke betrachten. Das Hauptklientel auf dem Weihnachtsmarkt will vom Schnitzwerk jedoch nichts wissen. “Es gibt einige, die wissen unsere traditionellen Arbeiten zu schätzen, viele finden es aber zu teuer. Die verstehen nicht, dass die Sachen aus Deutschland kommen und handgemacht sind.” Mit verschränkten Armen steht Melanie in ihrer Hütte und schaut melancholisch auf die Fahrgeschäfte gegenüber.

Das altertümliche Karussell dreht verlassen seine Runden, bis eine eine Horde betrunkener Männer die besten Plätze besetzt. Sie grölen und feiern sich selbst. Eine junge Mutter mit ihrem Kind im Schneeanzug schaut sich das Treiben irritiert an, ehe sie den Platz mit dem Kleinen im Arm verlässt. Auch für Boris geht die Schicht langsam zu Ende. Er sagt, er bleibe Optimist: “Wenn ich nicht pleite gehe, dann komme ich nächstes Jahr wieder.”

* Namen von der Redaktion geändert