Volle Arbeit ohne Lohn

Menschenrechte. Schutz von Minderheiten, Geflüchteten, Frauen und Kindern. Viele junge Menschen träumen davon, selbst in einer Organisation wie den Vereinten Nationen (UN) tätig zu werden.

Unbezahlte Praktika bei der UN
Hier läuft etwas schief: Die Vereinten Nationen drehen in Sachen Praktika den Geldhahn kein Stück auf. Illustration: Manon Scharstein

Dabei ist bei Karrierebeginn eine Teilhabe an dem großen Ganzen alles andere als einfach. Angestellt wird häufig nur, wer Arbeitserfahrung hat – und dies in Form von Praktika. Das Problem liegt jedoch nicht nur in dem grundsätzlich schon schwierigen Zugang. Knackpunkt ist die Tatsache, dass diese oft mehrere Monate dauernden Praktika ohne finanzielle Entlohnung absolviert werden müssen.

So erging es auch Sonja Kahl, einer 24-jährigen Jurastudentin aus Berlin. Sie war vier Monate in Den Haag beim Internationalen Strafgerichtshof für das ehemalige Jugoslawien. Sie arbeitete dort wie andere RechtsreferentInnen. Allerdings mit dem Unterschied, dass sie eben nicht bezahlt wurde. „Insgesamt gab es wohl mehr Praktikanten als Referenten.“ Sie hatte aber den Eindruck, dass ihre Arbeit alles andere als entbehrlich war. „Es war ein gutes Gefühl, einen Beitrag zu dem Auftrag des Gerichts leisten zu können.“

Weltweit betrachtet ist es nicht nur die UN, die in ihren verschiedenen Unterorganisationen PraktikantInnen nicht entlohnt. Gleiches gilt für den Internationalen Strafgerichtshof in Den Haag, die Weltgesundheitsorganisation oder auch die Internationale Organisation für Migration. Bisweilen gibt es Stipendienprogramme, die oft nur einen Teil der Lebenshaltungskosten abdecken und überhaupt nur einem kleinen Anteil der Bewerber zur Verfügung stehen. Das Wirken der Vereinten Nationen ist in diesem Kontext erheblich: Mit über 4500 unbezahlten PraktikantInnen im Zeitraum 2014- 2015 verblieben ganze 10 Prozent der beschäftigten Personen ohne Lohn.

Keine Bezahlung – und auch keine anderen Vergünstigungen

Kahl habe die Erfahrung fachlich und menschlich sehr genossen, konnte sich den Aufenthalt finanziell jedoch nur durch günstige Umstände leisten. „Ich hatte durch eine andere Auslandsförderung noch ein wenig Geld über. Aus eigenen Mitteln hätte ich das unbezahlte Vollzeitpraktikum nicht machen können.“ Diese Situation sei auch ein Thema unter den PraktikantInnen gewesen. „Es ist verständlich, dass einer Praktikantin nicht das gleiche Gehalt wie einer festangestellten Mitarbeiterin gezahlt werden kann, dennoch ist die Frage der Entlohnung auch eine Frage der Wertschätzung“, so Kahl. Unabhängig vom Gehalt habe es auch keine anderen Formen von Entlastungen gegeben. „Die UN hätte ja auch die Möglichkeit, uns zumindest ein kostenloses Mittagessen, Kaffee oder den Zugang zu Sprachkursen zur Verfügung zu stellen.“ Dies sei jedoch nicht geschehen. „Ich möchte betonen, dass der Aufenthalt eine unwahrscheinliche Bereicherung für meine fachliche Ausbildung darstellt und ich dankbar bin, dass ich diese Erfahrung machen durfte. Nur die Umstände, die hätte ich mir anders gewünscht.“

In diesem limitierten Zugang, der durch die unterschiedlichen finanziellen Voraussetzungen der BewerberInnen entsteht, sieht der 27-jährige Alex Renault aus Genf das große Problem. Er ist Mitglied bei der Fair Internship Initiative (FII), die sich bemüht, PraktikantInnen und ihren Bedürfnissen Gehör zu verschaff en. Die Initiative, die 2015 entstand, besteht im Kern aus zehn Personen sowie vielen HelferInnen rund um den Globus und hat Standorte in Genf, Wien und New York. „Aus unseren Erhebungen ergibt sich zum einen, dass es in den Jahren 2014-2015 mehr Praktikanten aus Frankreich als vom gesamten afrikanischen Kontinent gab“, erklärt Renault. Zudem gaben 76 Prozent der befragten Personen an, dass sie ein Praktikum ohne das finanzielle Zutun ihrer Familie nicht hätten absolvieren können. „Letztlich schaden unbezahlte Praktikumsplätze dem gesamten Arbeitsmarkt. Nach und nach verdrängen sie bezahlte Einstiegsjobs.“ Er könne nur jedem raten – egal wie spannend oder karrierefördernd ein Praktikum dargestellt werde – dass ohne fairen Lohn ein solches Angebot nie angenommen werden sollte.

Unter den Praktikanten gibt es aber auch weniger kritische Stimmen, die auf die Möglichkeiten verweisen, die Studierenden und Young Professionals geboten werden.

Die 22-jährige Lisa Grunenberg, die ebenfalls in Berlin Jura studiert, absolvierte ein zweimonatiges Praktikum bei der Ständigen Vertretung Deutschlands bei den Vereinten Nationen in New York. „Unbezahlte Praktika könnten natürlich die Gefahr bergen, dass der Praktikumsplatz von den finanziellen Möglichkeiten abhängt, nicht vom Interesse und der Leistung“, erläutert sie. Trotz der Kritik sei zu bedenken, dass sich die Vereinten Nationen um das Gute in der Welt bemühen und man sich der Problematik um die unbezahlten Praktika bewusst sei. „Selbst UN-Generalsekretär António Guterres hat die unbezahlten Praktika bei einer Veranstaltung angesprochen.“ Sie selbst habe zum einen eine Aufwandsentschädigung in Höhe von 300 Euro erhalten und die sonstigen Kosten durch Ersparnisse abgedeckt. „Ich war von dem Praktikum begeistert und würde es jedem empfehlen, der sich für eine Arbeit in einer internationalen Organisation interessiert“, meint sie.

Proteste bleiben ohne größere Erfolge

Dennoch hatte es schon in den vergangenen Jahren immer wieder Proteste und Kampagnen von Organisationen und Praktikanten selbst gegeben. Mit Ausnahme von UNICEF, das Anfang Oktober 2017 einen Paradigmenwechsel ankündigte, hält die UN an unbezahlten Praktika fest. Bekannt wurde dabei insbesondere ein Vorfall im August 2015 in Genf, bei dem ein UN-Praktikant behauptete, sich die dortigen Mieten nicht leisten zu können und deshalb im Zelt zu leben. Seine Lebensumstände blieben zunächst von seinen Vorgesetzten unentdeckt, bis er selbst die Presse informierte. Tatsächlich wollte der Neuseeländer die Diskussion um die unbezahlten Praktika neu entfachen und hatte die Situation damit forciert – dennoch, die reale Problematik, die er mit seinem Experiment aufzeigte, bleibt bestehen.

Auf Anfrage erläuterte Farhan Haq, stellvertretender Sprecher des UN-Generalsekretärs António Guterres, die Situation mit den Worten: „Die UN-Mitgliedsstaaten erlauben keine Bezahlung von Praktikanten, indem sie kein Budget verabschieden, das Geldmittel zu einem solchen Zweck bereitstellt. Im Ergebnis, obwohl sich die UN bemüht, dass ein Praktikum eine bereichernde Erfahrung für die teilnehmen Praktikanten darstellt, sind wir nicht in der Lage, bezahlte Praktika anzubieten.“ Auch seien ihm aktuell keine Entwicklungen innerhalb der UN bekannt, die eine Veränderung dieser Situation andeuteten.

Für FII-Mitglied Renault ist das fehlende Budget jedoch nur ein Teil der Wahrheit. „Ja, die meisten Mitgliedstaaten haben eine ‚zero growth policy’ in Bezug auf das Budget. Dennoch bin ich davon überzeugt, dass der fehlende Wille der UN-Administration das Hauptproblem darstellt.“ Für ihn sei die Tatsache, dass eine Organisation, die auf Menschenrechten fußt, eine hohe Anzahl von schlechter gestellten und unbezahlten PraktikantInnen beschäftigt, ein unauflöslicher Gegensatz. FII möchte auf Artikel 23 der UN-Menschenrechtscharta verweisen:


Artikel 23

  1. Jeder hat das Recht auf Arbeit, auf freie Berufswahl, auf gerechte und befriedigende Arbeitsbedingungen sowie auf Schutz vor Arbeitslosigkeit.
  2. Jeder, ohne Unterschied, hat das Recht auf gleichen Lohn für gleiche Arbeit.
  3. Jeder, der arbeitet, hat das Recht auf gerechte und befriedigende Entlohnung, die ihm und seiner Familie eine der menschlichen Würde entsprechende Existenz sichert, gegebenenfalls ergänzt durch andere soziale Schutzmaßnahmen. (…)