„Trans*personen werden behandelt als würden sie nicht existieren“

Als Trans*person gleicht der Weg zur Toilette einem Spießrutenlauf. Vorbei an irritierten Blicken geht es den Flur entlang. In der Vorlesung passiert es wieder: Die Anwesenheit wird überprüft, der falsche Name genannt und trotz überlegter und routinierter Erklärung runzelt die Professorin nur die Stirn. Vieles bleibt ungesagt, noch mehr unverstanden. Eine Geschichte über Hilflosigkeit und Ausgrenzung.

All-Gender-Toiletten
Schöne neue Toilettenwelt: All-Gender-Toiletten sind an den meisten Unis oft noch sehr rar.

Trans*personen* machen eine Vielzahl von offensichtlichen als auch versteckten Diskriminierungserfahrungen, die Cis-Menschen** in den meisten Fällen wohl nur vom Hörensagen kennen. So wenig wie eine Trans*person Schuld an einer Diskriminierungserfahrung hat, kann man einer Cis-Person das Nicht-Diskriminiertwerden vorwerfen. Darum geht es auch in der Diskussion um Trans*rechte nicht. Allerdings spielen das Wissen, das Erkennen von Privilegien und der richtige Umgang mit ihnen eine große Rolle. Und das auch im universitären Alltag.

Für Trans*personen beginnen die Probleme an der Uni häufig schon mit der Immatrikulation. Wer sich beispielsweise an der Freien Universität Berlin (FU) einschreiben möchte, ist verpflichtet, Vor- und Nachnamen so in die Formulare einzutragen, wie sie den Angaben im Personalausweis entsprechen. Zudem ist die Angabe der Geschlechtszugehörigkeit erforderlich. Dabei sind genau zwei Möglichkeiten zugelassen: „W“ für weiblich und „M“ für männlich. Das kann zum Problem werden, wenn die eigene Identität nicht in diese Kategorien passt.

Änderungen können drei Jahre dauern

Möchten transgeschlechtliche Menschen ihren bürgerlichen Vornamen und das in offiziellen Papieren eingetragene Geschlecht ändern, ist dazu ein gerichtliches Verfahren nach dem Transsexuellengesetz (TSG) erforderlich. Der Zeitraum von der Antragstellung bis zur tatsächlichen Änderung der amtlichen Dokumente kann bis zu drei Jahre dauern. Die aktuelle Gesetzeslage schreibt vor, dass Trans*personen zwei Gutachten vorzulegen haben, in denen sich darüber geäußert wird, „ob sich nach Erkenntnissen der medizinischen Wissenschaft das Zugehörigkeitsempfinden des Antragstellers mit hoher Wahrscheinlichkeit nicht mehr ändern wird“.

Was das genau bedeuten soll, ist nicht konkret bestimmt und hängt oft von der Willkür der begutachtenden Person ab. Deshalb ist insbesondere die Begutachtungspflicht sowohl von Aktivist*innen als auch Jurist*innen stark kritisiert worden. Gefordert wird, dass anstelle eines gerichtlichen Verfahrens eine eigene Erklärung beim Amt genügen soll, um so dem Selbstbestimmungsrecht von Trans*personen endlich Rechnung zu tragen.

Thema Geschlecht ist ein sensibles Thema

In der Phase zwischen Antragstellung und tatsächlicher Personenstandsänderung sind transgeschlechtliche Studierende mit einer Vielzahl von Problemen konfrontiert, gerade wenn ihr Äußeres scheinbar nicht mit den persönlichen Dokumenten übereinstimmt. Oftmals sind unfreiwillige „Outings“, beispielwesie vor Kommiliton*innen und Lehrenden mit unangenehmen Sprüchen und verletzenden Kommentaren verbunden.

Die Vorstellung mutet seltsam an, als Student*in einem Seminar erklären zu müssen, warum man in Zukunft mit einem anderen Namen angesprochen werden möchte. Schließlich handelt es sich beim Thema Geschlecht um eine sehr intime Sache, die man nicht unbedingt vor Fremden zum Thema machen möchte.

Auch wenn es um die Änderung des Namens oder des Geschlechtseintrags in Hochschulunterlagen, auf dem Semesterticket, den uniinternen Onlineplattformen oder etwa dem Zeugnis geht, müssen betroffene Studierende eine Reihe von Hürden auf sich nehmen, die nicht unbedingt zum Erfolg führen.

Hochschulsystem diskriminiert Trans*personen stark

„Wenn Trans*menschen es schaffen, die Hochschule abzuschließen, dann ist das ein immenses Zeichen von Resilienz“, erklärt René_ Hornstein. Als Aktivist*in und Diplompsycholog*in hält Hornstein deutschlandweit Vorträge zum Thema trans*gerechte Hochschule. In vielen Situationen würden Trans*personen immer noch stark vom Hochschulsystem diskriminiert.

Als Beispiel nennt Hornstein die wiederholte Weigerung von Hochschulverwaltungen, den selbstgewählten Namen einer Person zu akzeptieren, wenn dieser nicht mit dem Ausweisdokument übereinstimmt. „Ich muss aus rechtlicher Sicht nicht meinen Ausweisnamen verwenden, um Geschäfte zu tätigen. Nicht einmal auf der Bank. Die Hochschulen weigern sich jedoch meist, einen anderen als den Ausweisnamen zu akzeptieren“, erklärt Hornstein.

Dabei wäre es juristisch kein Problem, würden die Hochschulen trans*freundliche Zeugnisse, Immatrikulationsausweise oder Semestertickets ausstellen – auch ohne Namens- und Personenstandsänderungnach TSG.

Geschlechtseintrag im System der FU unveränderbar

„Die bürokratische und höchst problematische Gesetzeslage zur Personenstandsänderung spiegelt sich auch im Hochschulsystem wieder“, erklärt Felicia Rolletschke, Sprecherin des [LesBiTransInterA]*-Referats des AStA (Allgemeiner Studierendenausschuss) der FU Berlin. Grundsätzlich lasse die FU keine Namensänderungen zu, weder im Studierendenausweis noch in den uniinternen Online-Systemen.

Wer sich an der FU für ein Seminar oder eine Vorlesung und die entsprechende Prüfung anmelden will, muss dies über das Online-System Campus Management tun. Der Name, mit dem Studierende im System registriert sind, taucht somit auch in den Teilnehmer*innenlisten der Lehrveranstaltungen auf.

Wie Felicia Rolletschke erklärt, kann das für Studierende problematisch werden, die bereits einen anderen Namen führen als der, den sie bei der Immatrikulation verwendet haben: „Dann muss man jedes Mal den Dozenten oder die Dozentin extra anschreiben und die Sache mit dem Namen erklären.“

Name im Personalausweis ist das Maß der Dinge

Aus technischer Sicht müsste es eigentlich kein Problem sein, mit wenigen Klicks Name und Geschlechtseintrag einer Person im digitalen System der Universität zu ändern. „Das sollte man meinen“, sagt Rolletschke, „aber es geht einfach nicht.“ Seit einigen Jahren kämpfe der FU-AStA nun schon für diese Möglichkeit. Doch die Haltung von Hochschulverwaltung und Präsidium zu diesem Thema scheinen unverrückbar.

Auf Anfrage wurde von Goran Krstin, Pressesprecher des Präsidenten der FU, mitgeteilt: „Die Freie Universität Berlin kann keine Studierendendokumente, und dies betrifft auch Angaben im Campus Management System, ausstellen, die im Widerspruch zum Personalausweis einer Person stehen.“ Sollte eine Änderung des Vornamens und der Geschlechtszugehörigkeit noch nicht rechtskräftig sein, bleibt alles unverändert. „Nur im Falle eines bereits geänderten Personalausweises könnten Studierendendokumente angepasst werden“, erläutert Krstin.

Faktisch bedeutet dies: Ohne gerichtliche Entscheidung, keine geänderten Dokumente. Krstin betont, dass aber unabhängig von der Frage, welches Geschlecht in den Datensystemen geführt wird, die Lehrenden der Freien Universität darum bemüht seien, das jeweils gewünschte Geschlecht in der direkten Kommunikation zu berücksichtigen. Für E-Mails gelten jedoch andere Regeln. Im Schriftverkehr mit dem Prüfungsbüro beispielsweise sind Studierende aufgefordert „bei jeder Email Ihren in der elektronischen Akte hinterlegten Vornamen“ anzugeben.

Nicht jede Uni akzeptiert den Ergänzungsausweis

Einige Hochschulen in Deutschland akzeptieren mittlerweile den sogenannten dgti-Ergänzungsausweis. Damit wird seit 2017 von der Deutschen Gesellschaft für Transidentität und Intersexualität (dgti) ein Dokument bereitgestellt, das alle selbstgewählten personenbezogenen Daten sowie ein aktuelles Passfoto enthält. Studierende, die (noch) keine Personenstandsänderung erreicht haben, können mit diesem Zusatzdokument bereits an einigen Hochschulen ihren Namen im System ändern lassen.

Ein solcher Ausweis werde an der FU nicht akzeptiert, bestätigt Krstin. An der Humboldt-Universität (HU) wird der Ausweis in Hinblick auf Personen, die ein Verfahren nach dem Gesetz über die Änderung von Vornamen und die Feststellung der Geschlechtszugehörigkeit in besonderen Fällen nach dem Transsexuellengesetz anstreben oder durchlaufen, hingegen akzeptiert. Dies erläuterte auf Anfrage der stellvertretende Pressesprecher der HU, Boris Nitzsche.

An einigen Hochschulen bereits fest etabliert: All-Gender-Toiletten

Ein weiteres Thema, für das Aktivist*innen an Berliner Hochschulen schon seit vielen Jahren kämpfen, ist die Implementierung von All-Gender-Toiletten, also sanitären Einrichtungen für Menschen, die sich weder auf der Frauen- noch auf der Männertoilette wohl fühlen. An der gesamten HU gibt es mittlerweile zwölf All-Gender-Toiletten in zwei Gebäuden der Universität, die Alice-Salomon-Hochschule Berlin (ASH) hat bereits vor fünf Jahren auf Initiative des AStA flächendeckend All-Gender-Toiletten eingeführt.

An der FU kämpfen Studierende dafür seit zwei Jahren vergebens. Das Präsidium lehnte die Anfrage damals mit der Begründung ab, dass die Umsetzung zu teuer sei. „Das Kostenargument ist aber an den Haaren herbeigezogen“, findet Rolletschke, „wir haben das durchgerechnet. Es würde weniger als 200 Euro pro Toilette kosten, ein für die Uni verschwindend geringer Betrag.“ Die Idee ist nämlich nicht, zusätzliche Toiletten zu bauen, sondern nur einige der bestehenden Sanitäreinrichtungen als All-Gender-Toiletten zu labeln. Es müssten lediglich in Kabinen der Herrentoilette zusätzliche Abfallbehälter aufgestellt und Trennwände zwischen Pissoirs errichtet werden. Das Ziel ist dabei nicht Männer- und Frauentoiletten gänzlich abzuschaffen, sondern vielmehr daneben eine Alternative bereitzustellen.

Obwohl von Seiten der Studierenden immer wieder neue Anläufe im Kampf um die Toiletten gestartet wurden, bewegt sich an der FU wenig. „Es geht uns darum, dass Trans*personen keine Bedenken oder Ängste mehr haben, wenn sie aufs Klo müssen, also um eine Sache, die im Alltag dieser Menschen unglaublich relevant ist“, erklärt Rolletschke. „Würde die Uni uns hier entgegenkommen, hätte das eine große Signalwirkung in Sachen Repräsentation und Sichtbarkeit von Trans*interessen. Aber die FU behandelt Trans*personen immer noch so als würden sie nicht existieren.“

Studentisches Engagement zur Verbesserung der Lage

An Vorschlägen zur Verbesserung der Situation von Trans*personen an Hochschulen mangelt es nicht. Die AG „transemanzipatorische Hochschulpolitik“, ein politisches Netzwerk von Trans*personen und Unterstützer*innen an deutschen Hochschulen, hat hierzu einen Katalog an Verbesserungsvorschlägen ausgearbeitet. Denkbar wäre beispielsweise, dass bei der Einschreibung eine dritte Geschlechtsoption (wie z.B. Inter / Trans* / nicht-binär) angegeben werden kann.

Ebenso könnten Hochschulen sowohl die Studierendenausweise als auch die internen E-Mail-Adressen auf die selbstgewählten Namen ausstellen. Für Studierende, die während des Studiums eine Namens- oder Personenstandsänderung durchführen, könnte zur Erleichterung der Formalia ein Änderungsbogen oder ein Onlinetool bereitgestellt werden.

Eine weitere Idee ist, auch Menschen, die nicht direkt von Diskriminierung betroffen sind, für das Thema zu sensibilisieren. An der TU Berlin diskutiert Hornstein an einem Nachmittag im Februar mit Studierenden über die Frage, wie Trans*diskrimierung an Hochschulen entgegen zu treten ist. Durch Vorträge, Workshops und Diskussionsrunden versucht Hornstein zu sensibilisieren, aber auch Handlungsmöglichkeiten für Lehrende und Mitarbeitende aufzuzeigen.

Studierende sensibilisierter als Hochschulpersonal

Dazu sei es erst einmal wichtig, die Lebensrealität von Trans*menschen zu verstehen. „Ich kann selten davon ausgehen, dass die Leute, mit denen ich darüber spreche, im Thema drin sind“, so Hornstein. Dies bestätigt auch Felicia Rolletschke in Bezug auf Hochschulpersonal und Lehrende. Diese seien meist kaum über das Thema informiert, während Studierende zunehmend sensibler gegenüber dem Thema seien. Das liegt vielleicht daran, dass von Seiten der Studierenden – etwa des AStA oder der Fachschaftsinitiativen – in Workshops, Vorträgen und Ersti-Veranstaltungen immer wieder über Diskriminierungsformen informiert und diskutiert wird.

Einiges wurde erreicht, vieles nicht. Eine offizielle Repräsentation von Trans*personen gibt es an den Hochschulen nicht. Meist werden sie bei Fragen zum Thema Diskriminierung an die Frauenbeauftragten verwiesen. Diese sehen sich aber nicht in erster Linie zuständig. Ein Angebot wie das der HU, bei dem ein Empowerment-Workshop auch für trans*geschlechtliche Personen unter der Schirmherrschaft der Frauenbeauftragten angeboten wird, erscheint tatsächlich eher eine Ausnahme zu sein.

Das Urteil des Bundesverfassungsgerichts zur Anerkennung einer dritten Geschlechtsoption im November 2017 birgt die Hoffnung auf ein Ende der Zwangszweigeschlechtlichkeit. Aber ändert sich dadurch auch etwas in der Realität? „Das ist ein schöner Gedanke, aber ich glaube nicht, dass sich an der FU in naher Zukunft irgendetwas ändert“, so Felicia Rolletschke.


* Trans*personen (Kurzform für transgeschlechtliche Personen) fühlen sich ihrem bei der Geburt zugewiesenen Geschlecht nicht oder nur eingeschränkt zugehörig. Das Sternchen steht dabei als Platzhalter für möglichst unterschiedliche Verortungen und (geschlechtliche) Identitäten.

** Menschen, die sich mit ihrem bei der Geburt zugewiesenen Geschlecht identifizieren, werden als cis-geschlechtlich bezeichnet.