Studium im Elfenbeinturm

Liebevoll und abwertend zugleich wurden seltene Studienfächer einmal Orchideenfächer genannt. Ihre exotische Anmutung wurde mit brotloser Kunst ohne gesellschaftlichen Mehrwert gleichgesetzt. Ein Fehler.
Moritz Schwerin ist Absolvent des Studiengangs für zeitgenössische Puppenspielkunst. Foto: privat

„Willst du etwas Fantastisches sehen?“, fragte mich vor einigen Jahren ein Fremder. Ich folgte ihm hin zu einer kleinen Kammer am Rande des Klunkerkranichs auf einem verlassenen Parkdeck über den Dächern von Neukölln. Er wies mir einen klebrigen Ledersessel zu.

Die Kammer war bis unter die Decke mit rostigen Metallbolzen und verschachtelten Holzkonstruktionen zugestellt. Dann entdeckte ich eine Plexiglasscheibe, hinter der eine Miniatur des klebrigen Ledersessels stand. Die tiefe, ölige Stimme des Fremden ertönte aus dem Off: „Willkommen“, sagte er, „im Reich des Puppenspielers“.

Damals wusste ich nicht, was für eine vielfältige Ausbildung hinter dem Schauspiel steckte: Denn Puppenspielkunst kann man studieren. Im Prinzip ist heutzutage alles studierbar. Für das Wintersemester 2015/16 erfasste die Hochschulrektorenkonferenz 18.044 Studiengänge an den Hochschulen Deutschlands. Darin führen rund 91% zu Bachelor- und Masterabschlüssen. Im Studiengang Zeitgenössische Puppenspielkunst hingegen wartet noch ein Diplom auf die AbsolventInnen.

Zeit der Puppen

Moritz Schwerin ist einer davon. In seinem Beruf geht es darum, leblose Objekte und Körper zum Leben zu erwecken. Körperliche Ausdrucksformen sind dafür ein Muss: „Das künstlerische Feld der zeitgenössischen Puppenspielkunst wird immer umfangreicher und die Mittel, sich auszudrücken, werden immer schwerer einzuordnen.“

So werden Technologie und digitale Medien immer wichtiger. Innerhalb der Studienrichtung Zeitgenössische Puppenspielkunst gibt es diesbezüglich ab 2018 sogar einen eigenen Masterstudiengang, genannt Spiel & Objekt. Zwischen den vielen Eindrücken in der kleinen Kammer auf dem Klunkerkranich war doch der Einsatz digitaler Medien der Verblüffendste. Der Puppenspieler fotografierte mich.

Dann, aus dem Hintergrund der Minibühne hervortretend, bewegte sich langsam eine Puppe auf mich zu. Anstatt des Kopfes trug sie einen Hohlspiegel. Und darin war mein Gesicht zu sehen. Ich hing am seidenem Faden, ließ mich der Strippenzieher wissen.

Von Kontrollverlust und Massenuniversitäten 

In diesem Moment erging es mir wie einigen exotischen Studienfächern während der letzten 20 Jahre. Denn so schön Orchideenfächer auch blühen, so anziehend ihre Besonderheit ist, so gefährdet waren sie seit jeher. Die Deutsche Forschungsgemeinschaft (DFG) wies im Jahr 2000 auf ihr Nischendasein hin. Aufgrund der Finanzierungsnot und der angehenden Fächerkonzentration an den Landesuniversitäten befürchtete man, sie würden verschwinden. Ihr Weg in die Isolierung und Bedeutungslosigkeit wirkte vorgezeichnet.

Puppen, schrieb der Schriftsteller Heinrich von Kleist 1810 in seinem Werk „Über das Marionettentheater“, wüssten nichts von ihrer eigenen Materie. Sie nähmen die Impulse der Puppenspieler auf, und stellten schließlich etwas ganz Eigenes dar. Diese Eigenheit jedoch hatte ihren Preis.

Der Puppenspieler auf dem Klunkerkranich wusste das, als er mir die Kontrolle entzog. Mein Gesicht verschwand. Stattdessen wurden nun abertausende von Gesichtern aller vorstellbaren Menschen auf die Puppe projiziert: runde, eckige, ovale. Ein bunter, unbekannter Haufen. Als sich in den 1960er Jahren die Hochschulen zu Massenuniversitäten entwickelt haben, sind in deren Kontext die Kleinen Fächer entstanden.

Unbegrenzte Möglichkeiten

Je nach Anzahl der Professuren sowie Häufigkeit der universitären Standorte legt ein von der Johannes Gutenberg-Universität Mainz gegründetes Institut fest, welche Fächer dafür in Frage kommen. Die Berliner Universitäten kommen darin insgesamt auf eine Anzahl von 94 Kleinen Fächern. Darunter solche Exoten wie Invertebrate Paläontologie, Neogräzistik, Tibetologie oder Algorithmische Bioinformatik. Letzteres wird an der Freien Universität angeboten.

Janina Schöneberger studiert dort im 5. Semester. Es sei tatsächlich klein und familiär, erzählt sie. Auch wenn sie es nicht wirklich als exotisch betrachten würde, wäre die Mischung aus Informatik und anderen Naturwissenschaften „trotzdem ein großes Feld, in dem noch viel erforscht werden kann.“ Mit anderen Worten: Kleine Fächer, große Potentiale. So heißt auch die Förderlinie des Ministeriums für Bildung und Forschung. Dabei handelt es sich um ein Loblied auf die exotischen, Kleinen Fächer, die längst ihren Elfenbeinturm mitsamt ihrer Sonderstellung verlassen hätten.

Alles Gold was glänzt?

Längst verlassen? So scheint die Website der Arbeitsgruppe Kristallographie am Institut für Physik der Humboldt Universität. Als eigenständiges Studienfach verschwindet es weltweit, sagt Kristallograph Prof. Wolfgang Neumann. Die Gründe dafür sind vielfältig. Zwar war in der DDR seit Beginn der 1970er-Jahre der Abschluss Diplom-Kristallograph möglich, da es den Studiengang in Westdeutschland jedoch nicht gab, löste er sich nach der Wiedervereinigung zunehmend auf.

Neumann und seine KollegInnen konnten noch erreichen, dass es im Physikstudium ein kristallographisch-materialwissenschaftliche Spezialisierungsrichtung gab. Mittlerweile heißt der Lehrstuhl aber Strukturforschung/Elektronenmikroskopie. In Kiel wurde der Lehrstuhl Kristallographie durch Exzellenzinitiativen abgeschafft und löste sich in den Geowissenschaften auf. Es ist eine Frage der Spezialisierung. Manche Lehrstühle wurden beispielsweise deshalb abgeschafft, weil sie „auf Röntgenkristallanalyse spezialisiert waren“, so Neumann.

Es ist eine bemerkenswerte Geschichte, die Prof. Neumann auch mit seinem Buch „Kristalle verändern die Welt“ zu erzählen hat. Denn insgesamt wurden bereits 37 Nobelpreise mit unmittelbarem Bezug zur Kristallographie verliehen. Ebenso hatte die UNO 2014 das „Internationale Jahr der Kristallographie“ ausgerufen. Zu einem Umdenken hat es nicht geführt. So sprechen KollegInnen Neumann und seine Mitstreiter an, weshalb sie sich Kristallographen nennen würden, immerhin betrieben sie „Festkörperphysik“.

Studienfach als Identität 

Das Arbeiten mit festen Objekten hat keine physischen Grenzen, sagt Moritz Schwerin. Im Puppentheater würden dadurch unbekannte, „eigene Arten von Anmut kreiert“. Auch Heinrich von Kleist folgerte, dass vollendete Natürlichkeit in demjenigen Körperbau „am Reinsten“ erscheint, der kein Bewusstsein hat.

Der Puppenspieler auf dem Klunkerkranich tat genau das. Er entzog mir ein Stück weit meine Individualität und löste mich in tausende Gesichter auf. „Alle und niemand“ kommentierte er damals. Mir erging es wie der Kristallographie. Metaphorisch wird hierin ein Phänomen beschrieben, vor dem heutzutage viele Menschen Angst haben: der Verlust der eigenen Identität.

So stand das individuelle „Nischendasein“ der Kleinen Fächer vor 20 Jahren auch im Widerspruch zu gesamtgesellschaftlichen und politischen Entwicklungen. Die DFG schrieb noch, dass die „umfangreichen Wanderungsbewegungen“ die Welt „immer enger aneinander rücken“ ließen.

Die „zunehmende Durchmischung“ von Gesellschaften mache kulturelle Diversität und Differenz weltweit zur alltäglichen Erfahrung. „Der Blick auf fremde Kulturen“, so die DFG, „trägt zum Verständnis der eigenen Kultur bei.“ Wollte mir der Puppenspieler das sagen? Meinte er, nur im Kontrast zur exotischen Vielfältigkeit der Welt finde ich meine eigene Besonderheit?

Master of Disaster 

Theaterwissenschaften ist ebenfalls ein Kleines Fach. Dabei ist der Forschungsgegenstand derart breit, der Studierendenandrang derart groß, dass von „klein“ keine Rede sein kann, sagt Prof. Erika Fischer-Lichte vom Institut für Theaterwissenschaften der Freien Universität. Im Rahmen des Forschungskollegs Verflechtungen von Theaterkulturen arbeiten 60 Fellows aus über 20 Ländern gemeinsam an der utopischen Aufgabe, das Theater aller Kulturen und aller Zeiten zu untersuchen.

Utopisch ist das in der Tat. Denn wenn „alles“ und „immer“ gesetzt wird, dann droht der individuellen Exotik die Auflösung. Zum Glück, möchte man sagen, denn dann wird aus einer Einheit eine Vielheit, aus begrenztem Wissen unbegrenztes. Wem das zu diffus ist, kann entlang der Strippen Coffee Management in Hamburg studieren. Aber falls am Ende doch alle Stricke reißen, bietet die Universität Kopenhagen immer noch Katastrophenhilfe an, den sogenannten Master of Disaster.