Sprich mich an, aber leise!

Die Bibliothek könnte der ideale Ort zum Flirten sein. In der Praxis wollen aber doch tatsächlich einige der Besucher lernen. Wie man trotzdem nette Bekanntschaften machen kann und warum man dafür lieber keine High Heels tragen sollte…

„Das Paradies für Studierende ist die Bibliothek“ – so beantwortet Tim die Frage, wo er die meisten interessanten und attraktiven Studierenden trifft. Laut Beziehungssoziologen hat er damit sogar recht. In der Forschung heißt es, dass die Chance, einen geeigneten Partner zu finden, im gleichen sozialen Umfeld erheblich größer ist. Das hören wir gern, jetzt, mitten im Frühling. Vor allem in Anbetracht der Tatsache, dass es Orte gibt, an denen das Aufkommen von interessanten und potenziell als Partner geeigneten Individuen besonders hoch ist. Aber, wollen Studierende überhaupt in der Bibliothek angesprochen werden?

Bitte nicht stören

Die Bibliothek. Ein Ort der Ruhe und der intellektuellen Ergötzung. Die Köpfe rauchen, die Luft ist fad und schweißig. Die Klimaanlage verspricht viel, leistet aber zu wenig. Jeder versucht, sich zu konzentrieren. Auf das Klackern von Absätzen der perfekt gestylten Bibliotheks-Lernerinnen folgen genervte Blicke. Das ist der Alltag von dutzenden Berliner Studierenden. Viele nutzen die Bibliothek, weil es der einzige Ort ist, an dem die Arbeitsphasen nicht von Mitbewohnern, einem Wäscheberg oder den Staubpartikeln im eigenen Zimmer unterbrochen werden.

Kleiner Flirt gefällig?

Jeden Tag besuchen Tausende Studierende das Grimm-Zentrum, die Bibliotheken der FU und TU oder die Staatsbibliothek. Neben den mehr oder weniger guten Lernbedingungen gibt es einen netten Nebeneffekt: Das hohe Aufkommen an „gutaussehenden, intelligent wirkenden Männern“ und Frauen, erzählt Anne, Dauergast in der Bibliothek, mit einem zögernden Lächeln.

Doch wie einfach ist es, jemanden in dieser Konstellation wirklich kennenzulernen? Aus soziologischer Sicht passen alle Komponenten: Ein hohes Aufkommen an sozial und intellektuell ähnlichen Individuen, die sich – meist allein – mehrere Stunden an einem Ort aufhalten. Das Auffälligste dabei: Alle sind perfekt gestylt und überlegt gekleidet. Vor allem ambitionierte Frauen haben manche Erfolgs- und Leidensgeschichte zu erzählen.

Pausen nutzen

Die beste Möglichkeit, jemanden kennenzulernen, ist eine Pause in der Cafeteria, erzählt Melanie. Manchmal „setze ich mich einfach zu jemandem dazu, den ich ganz süß finde, und vielleicht kommt man ins Gespräch“. Einmal wurde sie sogar von einem mutigen, jungen Mann auf einen Kaffee eingeladen, „wir treffen uns jetzt öfters“, meint die Medizinstudentin.

Tim nutzt die Raucherpause. „Eine perfekte Gelegenheit, um mit Leuten in Kontakt zu kommen. Meist bin ich allein lernen und freue mich über ein wenig Gesellschaft, wenn ich Pause mache.“

Von Non-Stop-Lernenden und Bibliotheksposern

Anne hat festgestellt, dass es verschiedene Typen von Bibliothekslernenden gibt. Die „passiven Dauerlerner“ laufen die ganze Zeit mit gesenktem Blick durch die Reihen, suchen Bücher, setzen sich wieder hin, lernen weiter und lassen sich von nichts aus der Ruhe bringen. Von denen wird man nicht angesprochen. Dann gibt es die Kategorie „Kopfhörer-Lerner“ – man weiß eigentlich nie, ob sie lernen oder irgendetwas anderes machen, auf jeden Fall laufen sie blind durch die Gegend. Wenn sie die Kopfhörer abnehmen, sind sie aber auf Redemodus geschaltet, dann kann man sie ansprechen.

Häufig seien die „Träumer“ – diese Lerntypen schauen in der Gegend herum, denken oder beobachten einfach alle anderen im Raum, was besonders im Lesesaal amüsant sein kann. Hier treffen sich schnell mal die Blicke. Die schlimmste Kategorie seien aber die „Präsentierer“. Diese Art von Lernenden machen alles, bewusst oder unbewusst, um die Aufmerksamkeit anderer Leute zu erzwingen. Sie sind meist super gestylt oder außergewöhnlich gekleidet, machen oft laute Geräusche, tragen unglaublich viele Sachen mit sich herum und plaudern jede halbe Stunde mit jemand anderem in irgendeiner Bibliotheksecke. Dieser Lerntyp ist auf der Suche nach Kommunikation.

Christian berichtet, dass besonders männliche Jurastudenten sehr ambitioniert seien, die Bibliothek zu besuchen, da es dort „so viele gutaussehende Geisteswissenschaftlerinnen“ gebe.

Hauptsache lernen

Direkt auf Kennenlernen ausgerichtet ist aber kaum ein Bibliothekslernender. „Es ist ein netter Nebeneffekt“, erklären Tim und Anne.

An einer Ecke in der vierten Etage des Grimm-Zentrums klebt an einer Säule folgende Suchanzeige: „Du sitzt jeden Tag in der vierten Etage und schreibst eine Hausarbeit, wahrscheinlich studierst du Kunstwissenschaften – seit Tagen haben wir Blickkontakt. Bitte melde dich.“ In einer Bibliothek hat Schrift eben noch mehr Anwendungsmöglichkeiten als nur die Wissensvermittlung.