Scheitern bringt einen viel weiter als man denkt

Als Erstsemester glaubt man, die Weisheit mit Löffeln gefressen zu haben. Schnell wird aber klar, dass das Leben auf eigenen Beinen gar nicht so einfach ist. Damit steuert man ungebremst auf die erste Lebenskrise des Studentenlebens zu. Das ist schmerzhaft, gehört aber zum Erwachsenwerden dazu. Ein Erfahrungsbericht.

Scheitern tut weh. Ein Studienabbruch bedeutet aber definitiv nicht, dass einem jetzt das Prädikat „Versager“ verliehen wird. Foto: privat

 

Es ist ein warmer und sonniger Septembernachmittag im Jahr 2011. Eine letzte Umarmung meiner Eltern trennt mich davon, in den ICE nach Berlin einzusteigen. Ich habe ein Ticket für eine einfache Fahrt gebucht. Ein Zurück wird es auf absehbare Zeit nicht geben. Ich folge der Anweisung der blechern klingenden Computerstimme, die die Passagiere am Bahnsteig auffordert einzusteigen. Eine flüchtige Umarmung ist es, die ich meiner Mutter und meinem Vater schenke. Es fällt mir schwer, sie beide mit Tränen in den Augen vor mir stehen zu sehen. Als ich mich auf meinem Fensterplatz niederlasse, wird mir allmählich bewusst, dass ich im Begriff bin ein neues Kapitel in meinem Leben aufzuschlagen. Ein Kapitel, das ohne meine Eltern als Lebensmittelpunkt auskommen wird.

Mein Inneres sagt mir, dass es jetzt bergauf geht. Als überbehütetes Einzelkind genieße ich schließlich nicht nur Privilegien, sondern muss auch mit einer Menge Druck und Erwartungen zurechtkommen, die mir die Familie auferlegt. Der Zug fährt an und meine Eltern verschwinden aus meinem Blickfeld. Mir kommt der beruhigende Gedanke, dass ihre Tränen sicher schnell trocknen werden. Wie ich im Nachhinein feststelle, hat es ihnen aber sehr lange zu schaffen gemacht, dass ihr Kind nun am anderen Ende von Deutschland wohnt.

Mit Übermut in die erste Lebenskrise

Als ich von Zuhause auszog, um in der Ferne zu studieren, hatte ich noch nicht allzu viel von der Welt gesehen und noch weniger Schlechtes in meinem Leben erlebt. Ich war neugierig auf das, was jetzt kommen würde. Damals, als ich in Berlin ankam, war ich naive 20 Jahre alt. „Endlich stehe ich mit beiden Beinen im Leben“, dachte ich mir leichtsinnig. Also erwartete ich, dass mir die Welt zu Füßen liegt. Schließlich war ich im Glauben, verstanden zu haben, wie das Leben so funktioniert. Mit fatalen Folgen: Übermut kommt bekanntlich vor dem Fall und so stolperte ich geradewegs über die ersten Probleme und landete auf der Nase. Und die Welt? Die lachte sich ins Fäustchen.

Auf meine erste Lebenskrise war ich schlicht nicht vorbereitet. Nicht auf die verzweifelte Suche nach einer bezahlbaren Wohnung. Nicht auf streitlustige Mitbewohner, die sich einen Spaß daraus machen eine Einweihungsparty zu schmeißen ohne mich einzuladen. Und auch nicht darauf mir einzugestehen, dass ich in meinem ersten Studium – Englisch und Spanisch auf Lehramt – todunglücklich war. Ich wollte es allen beweisen: meinen Freunden aus Realschulzeiten, meiner Familie – die bislang keinen Akademiker hervorgebracht hat – und vor allem mir selber.

Aber es kam, was kommen musste: Die Noten stimmten nicht, weil ich nicht für die Fächer brannte, die ich studierte. Meine Mitbewohner waren mir spinnefeind und ich verließ mein Zimmer nur noch, wenn ich es wirklich musste. Beim Thema Liebe hatte ich auch kein glückliches Händchen. Sich zu verlieben wäre schön gewesen – hätte es da nur jemanden gegeben, der dafür in Frage gekommen wäre. Kurzum: Nach den ersten vier Monaten stand ich vor den Scherben meiner kühnsten Träume. Flügge werden ist toll, flügge sein ist hingegen gar nicht so einfach.

Gesundheit versus Bachelorabschluss

Ich begann mich durchzubeißen. Ich wollte dieses Studium unbedingt hinter mich bringen. Es dauerte sieben zähe Semester, bis ich das Handtuch schmiss. Das Seminar zu englischer Kolonialliteratur verließ ich noch während der Dozent die Pflichtliteratur vorstellte. Es wirkte wie blanker Hohn auf mich, als ich nach nur 15 Minuten exmatrikuliert war. Der einstige Überflieger in der Schule war plötzlich ein Versager mit abgebrochenem Studium.

Kleiner Reminder: Diesen Slogan habe ich einige Tage nach der Exmatrikulation in einer Berliner Bar entdeckt. Foto: privat

Wenn dir das Studium so einen Korb gibt, ist dir plötzlich vieles egal. Ich machte mir also nichts mehr daraus, was meine Freunde und Familie von meinem Abbruch hielten. Als mich kurz darauf auch noch ein Bandscheibenvorfall ereilte, sah auch mein soziales Umfeld ein, dass alles zu viel für mich war. Im Nachhinein hatten sie Verständnis für meine Entscheidung das Studium abzubrechen. Mentaler Stress wirkt sich nun mal früher oder später auf die Gesundheit aus. Und nachdem ich für Wochen ans Bett gefesselt war und vor Schmerzen kaum schlafen konnte, war mir mein Körper wichtiger als ein Bachelorabschluss.

Das erste Studium war also Geschichte. Plötzlich standen mir alle Türen wieder offen. Und das sorgte für riesiges Chaos in meinem Kopf. Ein Architekturstudium? In den Medien arbeiten? Oder vielleicht doch eine Ausbildung zum Lokführer? All diese Möglichkeiten spielte ich immer wieder durch. Das machte eine Antwort auf die Frage „Was nun?“ aber nicht einfacher, sondern schwieriger.

Das große Ganze zu sehen tut gut

Ich suchte mir Hilfe bei einem Coach. Er war Geistlicher und lebte in meiner Heimatstadt Köln. So pendelte ich über zwei Monate hinweg zwischen Hauptstadt und Domstadt. Die Treffen mit ihm waren intensiv, wir sprachen fast mehr über emotionale Themen als über Berufliches. Durch ihn konnte ich meinen Blick schärfen – auf das, was ich wirklich von meinem Leben erwartete. So begann ich schließlich – mit ausreichend Selbstbewusstsein im Gepäck – meinen Bachelor in Journalistik.

Die Zwanziger sind eine Zeit des Zweifelns, aber auch eine Zeit des Reifens. Ein abgebrochenes Studium, ein Outing oder eine unerwartete Krankheit sind kein Zeugnis von Scheitern. Im Gegenteil. Man reift nur, wenn man nicht wie ein rohes Ei in Watte gepackt wird. Man muss Erfahrungen machen, die schmerzvoll sind. Nur so kommt, was kommen muss: bessere Zeiten.

Mit den Jahren habe ich Abstand zu den Situationen gewonnen, die damals unausweichlich und erschütternd waren. Heute schaue ich mit einem gnädigeren Blick auf die Kreise, die sich durch meine Entscheidungen geschlossen haben. Denn rückblickend ergeben ausnahmslos alle Lebensereignisse einen gewissen Sinn und haben den Menschen aus mir gemacht, der heute diesen Text schreibt.

Das große Ganze zu sehen tut gut. Denn es zeigt, dass ich den richtigen Weg gewählt habe. Auch wenn es ein Umweg war. In meinem Leben haben sich viele Dinge zum Guten verändert und die Studienzeit hat einen großen Beitrag dazu geleistet. Geblieben ist mir die Neugier. Vor allem auf das, was nun als nächstes kommt.

Eine Antwort auf „Scheitern bringt einen viel weiter als man denkt“

  1. Ja läuft bei dir…schweres Leben und so…aber wie hart kann das Leben denn eigentlich sein, wenn man sich im Gegensatz zu 99% aller anderen angehenden Studenten, einen Besuch an eine Privatuniversität leisten kann? Ich gehe mal davon aus, dass Mama und Papa nicht so ganz unvermögend sind. Du Heuchler!

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