Nervenkiller Studium

Stress, Leistungsdruck und Prüfungsangst: Wer im Studium herausragend sein will, dem wird viel abverlangt. Auch aus Sorge, auf dem späteren Arbeitsmarkt nicht attraktiv genug zu sein, verausgaben sich immer mehr Studierende. Ein erfolgreiches Studium geht jedoch auch ohne Dauerstress.

Wenn der Bachelor krank macht: Burnout ist unter StudentInnen keine Seltenheit. Illustration: Angelika Schaefer

Mein Herz rast, meine Hände schwitzen. In meinem Kopf kreisen die Gedanken zwischen „Ich habe mich super vorbereitet, ich schaffe das“ und „Was, wenn ich das Falsche gelernt habe oder auf einmal alles vergesse?“.

Ich bin auf dem Weg in die mündliche Modulabschlussprüfung und habe gleich 30 Minuten Zeit, meine DozentInnen von meinem Wissen zu überzeugen. Die letzten Wochen habe ich zur Vorbereitung fast ausschließlich in der Bibliothek verbracht – und ein Ende der Klausuren ist noch lange nicht in Sicht. Ich bin gestresst, dazu gesellt sich Prüfungsangst.

Großteil der Studierenden dauergestresst 

So wie mir ergeht es den meisten der etwa 2,8 Millionen deutschen StudentInnen. Laut einer repräsentativen Umfrage der Techniker Krankenkasse stehen 55 Prozent der Studierenden regelmäßig unter Stress. Ein weiteres Viertel sieht sich sogar unter Dauerdruck. Doch wie viel Stress ist gut fürs Studium und ab wann ist er gesundheitsgefährdend?

„Stress wird sehr häufig als etwas Negatives gesehen“, beobachtet Jennifer Hüge, stellvertretende Bundesvorsitzende des Deutschen Bundesverbandes für Burnout-Prophylaxe und Prävention (DBVB e.V.). Für die Therapeutin, die auch als Coach für Stressmanagement arbeitet, steht fest: „Um Leistungen zu erbringen, ist Stress durchaus wichtig. Schlecht ist es dann, wenn es keine Entspannungsphasen mehr gibt und er zu etwas Chronischem wird.“

ExpertInnen warnen vor gesundheitlichen Folgen

Chronischer Stress ist gerade unter Bachelor-Studierenden keine Seltenheit: Laut einer Studie der Freien Universität Berlin berichten 41 Prozent von hoher emotionaler Erschöpfung.

Ist das der Dauerzustand im Studium, kann das schwerwiegende gesundheitliche Folgen haben: „Niemand erkrankt nach vier Wochen Stress an Burnout, das ist ein monate- oder jahrelanger Prozess. Wer aber dauerhaft unter Druck steht, stößt irgendwann an seine körperlichen Grenzen“, warnt Hüge.

Neben zunehmenden Studienanforderungen im Zuge des Bologna-Prozesses verschärft sich auch die Situation für Hochschulabsolventen auf dem Arbeitsmarkt. Wer nicht schon während des Studiums einschlägige Berufserfahrungen in Form von häufig unbezahlten Praktika sammelt oder sich gesellschaftspolitisch engagiert, hat deutlich schlechtere Chancen. Dem versuchen die Studierenden mit dem Anspruch entgegenzuwirken, das Studium in Regelstudienzeit abzuschließen.

Zu hohe Erwartungshaltung keine Seltenheit

Für Brigitte Reysen, psychologische Beraterin an der Freien Universität Berlin, hängt das vor allem mit gesellschaftlichen Aspekten zusammen: „Immer mehr junge Leute haben Angst davor durch ein Raster oder gewisse Ausleseprozesse zu fallen, wenn sie nicht schnell und gut genug sind. Diese Entwicklung beginnt mittlerweile schon an der Schule.“

Dabei sei die Wahrscheinlichkeit, nach dem Hochschulabschluss keine Anstellung zu finden, in der Realität verschwindend gering. „Langzeitstudien zeigen, dass weit über 90% der Hochschulabsolventen einen Job finden. Die Arbeitslosenquote unter Akademikern liegt deutlich unter dem Bundesdurchschnitt.“

Studierenden, die unter zu viel Stress leiden, rät sie: „Es ist durchaus wichtig, sich neben dem Studium ehrenamtlich zu engagieren oder beruflich zu qualifizieren. Man sollte sich aber selbst fragen, was einem Spaß macht und wirklich guttut, um eine Balance zu finden.“

Mit Stress und Ängsten nicht alleine bleiben

Wer mit dem Druck im Studium nicht mehr zurecht kommt, kann sich also Hilfe suchen. An jeder Universität gibt es Beratungsstellen, die beim Organisieren des Studienalltags und dem Beseitigen von Zukunftsängsten helfen. Auch wenn uns Studierenden viel abverlangt wird – alleine bleiben müssen wir damit nicht. Hier gilt: Ein erfolgreiches Studium ist ein gesundes Studium.

Links zu den psychologischen Beratungsstellen der größten Berliner Hochschulen:

HU Berlin: http://bit.ly/2yVRQmf
FU Berlin: http://bit.ly/2yWVvAb
TU Berlin: 
http://bit.ly/2gnUjL0
HTW Berlin: http://bit.ly/2dRzyWc
HWR Berlin: http://bit.ly/2yBB5LC
Studierendenwerk Berlin: http://bit.ly/2zo9ZoW