Naiver Querdenker

Er ist der provokante Fragesteller aus der Bundespressekonferenz und Polit-Blogger bei „Jung & Naiv“. Tilo Jungs Fragen bringen PolitikerInnen ins Schwitzen. Für dieses Interview nimmt er zur Abwechslung die Position des Befragten ein.

Unsere Redakteurin Clara Westhoff mit Polit-Blogger Tilo Jung im Gespräch

Spree: Seibert, Schäfer und Co. haben in der Bundespressekonferenz (BPK) wirklich nicht auf dich gewartet – wieso eigentlich nicht?

Tilo Jung: Die waren es gewohnt, dass zur Bundespressekonferenz JournalistInnen aus dem tagesaktuellen Bereich kommen. Jetzt sitzt da einer, der nicht so arbeitet und nicht wegen einem Artikel kommt; jemand, der einfach nur generelle Fragen stellt und der Regierung nicht alles glaubt. Ich glaube, dass die BPK damit nicht gerechnet hat – ich ja auch nicht. Ich bin Mitglied geworden, ohne dass ich das vorhatte. Das hat sich dann so entwickelt.

S: Was motiviert dich, mehrmals die Woche zur BPK zu gehen?

TJ: Erstens macht’s Spaß, zweitens sind wir die einzigen, die das in dieser Form machen und drittens müssen wir es machen, weil es kein anderer Sender überträgt. Das wird der Öffentlichkeit ja sonst vorenthalten.

S: Ist es nicht entmutigend, wenn auf deine Fragen häufig nur Floskeln, Ausreden und Aussageverweigerungen folgen?

TJ: Das wäre entmutigend, wenn du erwarten würdest, dass du eine Antwort bekommst. Ich erwarte generell überhaupt nichts.

S: Du hast angefangen BWL und Jura zu studieren. Wie hast du gemerkt, dass das nichts für dich ist und du lieber über Politik berichten möchtest?

TJ: Ich habe erst BWL studiert und nebenbei bei Startups gearbeitet, weil ich selbst eines gründen wollte. Ich habe dann aber schnell gemerkt, dass das BWL-Studium staubtrocken ist. Dann habe ich mit Jura angefangen, weil ich dachte, dass ich gut argumentieren und debattieren kann. Mir wurde dann klar, dass das bei Jura gar keine Rolle spielt – und dann auch noch diese Bibliotheksarbeit. Dabei bin ich eigentlich ein großer Streber, aber halt auf meine eigene Weise.

S: Gibt es Themengebiete in der Politik, die dich persönlich besonders interessieren?

TJ: Ja! Ein besonderes Augenmerk ist die Außenpolitik. Ich habe mal in Amerika gelebt und kenne dadurch die andere Seite. Ich bin mit dem Irakkrieg aufgewachsen und dadurch politisiert worden. Außenpolitik ist auf jeden Fall mein Lieblingsthema, da wird die Doppelmoral deutscher Politik besonders deutlich. Ein aktuelles Beispiel dafür ist der Anti-ISIS Einsatz, wo wir Deutschen mithelfen, Menschen in Syrien zu bombardieren. Dort sind schon tausende Zivilisten umgekommen. Dabei ist der Einsatz völkerrechtswidrig, weil es gar kein UN-Mandat gibt – das interessiert mich dann natürlich. Dann interessiert mich außerdem alles, was mit Europa zu tun hat oder innenpolitische Themen wie Überwachung. Vorratsdatenspeicherung ist auch eines meiner Lieblingsthemen.

S: Augenscheinlich gehst du mit allen Parteien gleichermaßen kritisch um. Gibt es für dich dennoch eine Partei, mit der du mehr sympathisierst als mit anderen?

TJ: Ja klar. Ich habe für viele Parteimitglieder Sympathien. Auch aus Parteien, die ich niemals wählen würde. Einfach weil sie gute Ansichten haben und aus ihrer Partei herausstechen. Zum Beispiel Marco Bülow (SPD): Der stellt sich gegen seine Partei, wenn er etwas nicht gut findet.

S: Gehst du wählen?

TJ: Meistens. Ich halte nichts davon, Nichtwähler zu dämonisieren oder sie als schlechte Menschen und als undemokratisch abzustempeln. Wir leben in einem freien Land und habe freie Wahlen. Das bedeutet auch, die Freiheit zu haben nicht zur Wahl zu gehen.

S: Der Slogan von Jung & Naiv lautet „Politik für Desinteressierte“. Deine Zuhörer und Zuschauer wirken aber nicht gerade politikverdrossen. Wie siehst du das?

TJ: Wir kokettieren ja mit diesem Slogan. Die einen lesen das und fühlen sich dadurch provoziert und die anderen holt man damit ab. Aber unser Anspruch war immer, das Projekt für alle Seiten offen zu machen. Wir haben keine Zielgruppe.

S: Du fährst ja gerne die provokante und naive Schiene, hast dir deswegen auch mal eine Auszeit bei deinem ehemaligen Arbeitgeber Krautreporter eingehandelt. Bist du heute vorsichtiger mit deinen Äußerungen, Posts und Nachfragen oder ist „Jung & Naiv“ nach wie vor Programm?

TJ:  Ich habe ein Bild gepostet wie ein Mädchen augenscheinlich von ihrem Freund getreten wird – am Weltfrauentag. Das war ein misslungener Witz, ich bin da heute vorsichtiger. Ich denke jetzt viermal darüber nach, bevor ich einen Witz poste. Außerdem hat sich Krautreporter damals in meine privaten Angelegenheiten eingemischt. Die hatten den Post auf sich bezogen und sind mir dann in den Rücken gefallen. Ich habe mich daraufhin entschuldigt und mich freiwillig von den Krautreportern zurückgezogen. Ich habe zehn Jahre lang dreckige Witze gerissen und alles Mögliche geteilt, das war für mich damals Social Media. Mittlerweile weiß ich, dass es Leute gibt, die jeden Scheiß von mir monitoren. Das war mir vorher nicht so klar.

S: Du bist mit deiner sehr eigenen Art des Video-Bloggings kein klassischer Journalist, fühlst du dich gegenüber journalistischer Grundprinzipien wie z.B. dem Pressekodex überhaupt verpflichtet?

TJ: Absolut. Ich bin ja auch dem Kodex der Bundespressekonferenz verpflichtet. Am Ende geht es um den Journalismus, nicht um meine Meinung. Für mich bedeutet Journalismus, den Leuten zu zeigen, zu erzählen und zu protokollieren was so passiert ist.

S: Warum lässt sich die Bundeskanzlerin eigentlich lieber von Youtubern wie AlexiBexi als von dir interviewen?

TJ: Weil sie von Menschen interviewt werden möchte, die keine Ahnung haben, wie man Interviews führt. Interviewführung ist ein Handwerk, das muss man lernen. Fragen stellen ist nicht schwer, aber es geht darum gut zuzuhören und nachzuhaken. Das konnten die Youtuber alle nicht.

S: Bist du nur aufgrund des Politikgeschehens noch in Berlin?

TJ: Ich kann mir nicht vorstellen in irgendeiner anderen deutschen Stadt zu leben. Ich komme ja vom Land und bin auch froh, dort aufgewachsen zu sein, aber ich bin mittlerweile ein Kosmopolit. Berlin ist für mich eine Weltstadt, ich fühle mich hier wohl und könnte außerdem nirgendwo in Deutschland das machen, was ich hier mache.

S: Zum Abschluss – was ist das Beste an der Hauptstadt?

TJ: Ich mag das Unvollendete, das haben andere Hauptstädte nicht. Erstens ist es keine Rich-Bitch-Stadt, hier muss man zum Leben nicht viel Geld haben. Junge Menschen und Künstler können hier hinkommen – Leute, die eine Stadt braucht, um sich zu verändern. London, Paris oder Rom haben das nicht mehr. Einer meiner Lieblingsspots in Berlin ist übrigens der Flakturm am Gesundbrunnen. Dorthin nehme ich immer wieder gerne Gäste von außerhalb mit und zeige ihnen den tollen Blick über die ganze Weststadt.