In Frieden studieren

Knapp 70 Prozent der Menschen, die seit 2015 einen Asylantrag in Deutschland gestellt haben, sind unter 29 Jahre alt. Auf ihnen lastet eine riesige Erwartungshaltung: sie sollen sich integrieren, Deutschland mitgestalten, dem Staat nicht auf der Tasche liegen. Doch wie leicht machen wir es den Geflüchteten, sich in unsere Gesellschaft einzubringen? Drei junge SyrerInnen  berichten von Schwierigkeiten, Ängsten, aber auch Hoffnungen.

Raghad (21) aus Aleppo
Raghad, 21, aus Aleppo, ist seit Februar 2015 in Deutschland und studiert Informatik im zweiten Semester an der Freien Universität Berlin (FU).

Als ich vor drei Jahren Syrien in Richtung Europa verließ, habe ich viel zurückgelassen: einen Teil meiner Familie, meine Freunde und auch meine Zukunft in der Heimat. Vor meiner Flucht habe ich zwei Semester Maschinenbau in Aleppo studiert. In Deutschland musste ich komplett von vorne anfangen.

Nach einer langen Reise über den Libanon und Marokko bis nach Berlin, war es deshalb mein Ziel schnell Deutsch zu lernen, um weiterstudieren zu können. Um das geforderte Sprachniveau C1 zu erreichen, besuchte ich Deutschkurse an der Volkshochschule und an der FU.

Am liebsten hätte ich dann wieder Maschinenbau studiert. An der Technischen Universität Berlin (TU) ist es allerdings sehr schwer einen Studienplatz zu bekommen. Viele meiner Bekannten haben mir daraufhin geraten Informatik zu studieren, weil das auf dem Arbeitsmarkt momentan sehr gefragt ist.

Das erste Semester war wirklich schwierig. Obwohl ich anderthalb Jahre Deutsch gelernt hatte, fühlte es sich an, als würde ich auf Chinesisch studieren. Mittlerweile macht mir Informatik sehr viel Spaß.

Trotzdem möchte ich immer noch Maschinenbau studieren. Vielleicht gibt es eine Möglichkeit, im Master beides zu kombinieren. Ich bin gespannt auf die Zukunft, mache mir aber über meine beruflichen Chancen ziemlich viele Gedanken.

Ich habe Angst, aufgrund meiner Herkunft oder Religion später keinen geeigneten Job zu finden. Mein Vater ist Maschinenbauingenieur und meine Mutter Lehrerin – trotzdem bekommen sie hier in Deutschland keine Arbeit. Aber Deutschland braucht Informatikerinnen! Wenn ich einen guten Studienabschluss schaffe, nehmen mich die Arbeitgeber hoffentlich trotz des Kopftuchs.

Anas (25) aus Aleppo
Anas, 25, aus Aleppo, ist seit September 2014 in Deutschland und nimmt diesen Herbst ein Studium des Wirtschaftsingenieurwesens an der Technischen Universität Berlin (TU) auf.

Studieren – das wollte ich seit meiner Ankunft in Deutschland von Anfang an. Bis dahin war es aber ein langer Weg. In Syrien lernte ich an der Universität zwei Jahre Bauingenieurwesen, bevor ich das Land 2013 aufgrund meines politischen Engagements verlassen musste.

Ich versuchte zunächst in Jordanien ein Studentenvisum zu beantragen, das leider nach neun Monaten des Wartens abgelehnt wurde. Ich bin dann weiter über die Türkei und Libyen und von dort aus über das Mittelmeer nach Europa gekommen.

In Berlin schickte mich das LaGeSo erst nach Brandenburg. Dort gab es keine Sprachkurse – ich hätte also nur rumsitzen müssen.

Am Anfang lernte ich deshalb Deutsch, indem ich mir stundenlang YouTube-Videos anschaute. Aber um studieren zu können, muss man ein sehr gutes Sprachniveau haben und dafür reichten die Videos nicht.

Ich kaufte mir dann von meinem eigenen Geld die Fahrkarten nach Berlin, um dort einen Deutschkurs zu besuchen. Da ich aber in Brandenburg gemeldet war, durfte ich nur als Gasthörer teilnehmen und keine Prüfungen absolvieren.

Glücklicherweise ist der Lehrerin mein Engagement aufgefallen und sie half mir eine Ausnahmeregelung zu erwirken, sodass ich den Kurs erfolgreich abschließen konnte. Nach dem Bestehen des Kurses wurde auch mein Asylantrag angenommen.

Zunächst arbeitete ich als Sprachvermittler in einer Berliner Sparkassen-Filiale, um anderen Geflüchteten bei der Kontoeröffnung zu helfen. Jetzt erfülle ich alle sprachlichen Voraussetzung für ein Studium und fange diesen Herbst endlich meinen Bachelor in Wirtschaftsingenieurwesen an.

Hala (27) aus Damaskus
Hala, 27, aus Damaskus, ist seit Dezember 2014 in Deutschland und arbeitet als Assistenzärztin in einem deutschen Krankenhaus.

Ich war schon fertig mit meinem Studium, als ich im Dezember 2014 nach Deutschland kam. Sechs Jahre lang hatte ich Medizin in Damaskus studiert und reiste anschließend mithilfe eines Sprachvisums nach Deutschland.

Eigentlich sollte ich nur einige Monate bleiben, durch den Krieg gab es aber für mich keine Möglichkeit zurück nach Syrien zu fahren. Deshalb stellte ich 2015 einen Asylantrag. Da ich in der Zwischenzeit viele Sprachkurse besucht hatte und das Sprachniveau B2 erreichte, wurde mein Antrag sehr schnell angenommen.

Im Zuge dessen konnte ich an der Charité International Academy einen sechsmonatigen Fachsprachkurs belegen. Gefördert wurde ich hierbei vom Netzwerk „Integration durch Qualifikation“, kurz IQ. In der Academy bereitete ich mich auf die Kenntnisprüfung vor, die man sich wie ein drittes Staatsexamen vorstellen kann (letzte große Prüfung nach dem Medizinstudium, Anm. d. Red.) und die ich für meine Approbation bestehen musste.

Seit Januar 2017 darf ich nun überall in Deutschland als Ärztin in der Weiterbildung arbeiten. Um das deutsche Gesundheitssystem und die Tagesabläufe in den Kliniken kennenzulernen, absolvierte ich Anfang des Jahres ein Praktikum in der Gynäkologie der Charité.

Anschließend hat man mir eine Stelle in einem Brandenburger Krankenhaus vorgeschlagen. Eigentlich wollte ich lieber in Berlin bleiben, denn als ausländische Frau hat man es in einer internationalen Stadt leichter. In Brandenburg hingegen leben wenig Ausländer und deshalb hatte ich Angst vor mehr Fremdenfeindlichkeit.

Ich habe mich aber dazu entschlossen, unabhängig davon meinen Weg finden zu wollen. Deshalb habe ich vor fünf Monaten meinen ganzen Mut zusammengenommen und bin in den Süden Brandenburgs gezogen. Dort arbeite ich seitdem als Assistenzärztin in der Gynäkologie und Geburtshilfe.