Im Rausch Berlins

Studierende leben Prokrastination. Die Wohnung ist sauber, alle Mails beantwortet, sämtliche Einkäufe erledigt. Nur die Hausarbeit wartet darauf, endlich geschrieben zu werden. In der teuersten deutschen Fernsehproduktion aller Zeiten, Babylon Berlin, prokrastiniert eine ganze Gesellschaft. Mit fatalen Folgen. Eine Fernsehkritik.
Ein Hauch von Berghain: Im „Moka Efti“ feiern die Babylon-Berliner ekstatisch. Foto: X Filme Creative Pool Entertainment GmbH

Auf den ersten Blick zeichnet sich das Leben im Berlin des Jahres 1929 als lebenswert. Im exzentrischen Club „Moka Efti“ tanzen junge Menschen ausgelassen Charleston oder entspannen an Seen des Berliner Umlands. Doch unterschwellig drängt eine allgemeine Angst in den Vordergrund, der niemand entrinnen kann.

Zwischen Hoffnung und Verdrängung

So entfaltet sich in zwei Staffeln zu je acht Episoden eine düstere Atmosphäre. Angelehnt an das berühmte Weimarer Kino, was die Filmkritikerin Lotte Eisner einmal als „dämonische Leinwand“ beschrieb, wird die Traumwelt der Großstadt Berlin zum Alptraum der Protagonisten. Die kecke Lebefrau und Berlinerin Charlotte Richter (gespielt von Liv Lisa Fries) erkämpft sich darin eine Assistenz an der Seite des Polizeikommissars Gereon Rath (Volker Bruch). Gemeinsam ermitteln sie fortan in einem losen Netz von russischen Revolutionären, Porno-Milieu, Reichswehr und organisierter Kriminalität.

Den drei (!) Regisseuren der Erfolgsserie gelingt es dabei immer wieder, Momente des Glücks und der Hoffnung einzubauen. So ist der Zuschauer tatsächlich gewillt, vor allem aufkeimenden Liebesbeziehungen eine Chance zu geben. Die Sequenzen harmonischen Miteinanders, aufopfernder Fürsorge und selbstloser Hilfe erweisen sich jedoch als Illusion. Sie sind die kurzen Ausflüchte in eine parallele Wunschwelt. Das dafür in der rauen Wirklichkeit kein Platz ist, zeigen die verschwitzten und dreckigen Gesichter der Darsteller. Beispielhaft dafür der nachklingende Soundtrack der Künstlerin Severija: „Zu Asche zu Staub, dem Licht geraubt […] doch noch nicht jetzt. Wunder warten bis zuletzt.“

Charlotte Richter (li., gespielt von Lisa Liv Fries) nähert sich Gereon Rath (gespielt von Volker Bruch). Foto: X Filme Creative Pool Entertainment GmbH

Keine Zukunft für niemanden

Über mehrere Staffeln gedacht, geht es in Babylon Berlin „um die große deutsche Katastrophe“ und wie die Leute da „reingeschlittert“ sind, sagt Regisseur Achim von Borries. Und so verwandelt sich der Sehnsuchtsort Berlin allmählich und ausweglos in eine psychedelische Krankheit. Die Wahrheit des Ersten Weltkrieges kann in der ersten deutschen Demokratie, der Weimarer Republik, nicht weggetanzt, nicht wegkonsumiert werden. Die Figuren werden allesamt von ihrer Vergangenheit eingeholt und zerfallen, ja scheitern an ihrer inneren Verfasstheit. Bis sich die Verdrängung in der Katastrophe entlädt.

Babylon Berlin ist auf dem Bezahlsender Sky rund um die Uhr abrufbar. Empfehlenswert sind die „Making of…“-Specials, die hinter die Kulissen einer 40 Millionen Euro teuren Produktion führen.

Skandalös: Das öffentlich-rechtliche Fernsehen hatte mit 9 Millionen Euro einen erheblichen Anteil an den Produktionskosten. Trotz dieser Gebührenfinanzierung wird die Serie erst Ende 2018 auf der ARD zu sehen sein.