Ich Tarzan, du Jane?

Das traditionelle Verständnis von Mann und Frau verschwimmt zusehends. Und das zu Recht. Das Beispiel Berlin beweist, dass fluide Geschlechterrollen heute niemandem mehr Kopfzerbrechen bereiten.

Geschlechterbilder verschwimmen
Warum muss man Geschlechterbilder immer noch definieren? Am Beispiel Berlin wird klar: Es geht auch anders. Bildmontage / Bildquelle: pixabay.com

Wir schreiben das Jahr 2018: Während auf der Welt rückschrittige und engstirnige Präsidenten an die Macht kommen, Sexismus und Rassismus wieder salonfähig scheinen, und demokratische Werte vielerorts mit Füßen getreten werden, sehen wir in Berlin ein fast utopisches Gegenbild: Toleranz, sexuelle und individuelle Freiheit sowie ein modernes Lebensgefühl.

Während es in vielen Teilen der Welt immer noch das Optimum ist, sich der Norm zu fügen, lautet die Devise in Berlin schon lange nicht mehr „normal“ zu sein. Das ist für unsere Generation fast schon ein Schimpfwort, es befindet sich in etwa auf der gleichen Ebene mit der größten Beleidigung von allen: Du bist langweilig! Stattdessen brennen alle dafür möglichst individuell zu sein, denn unsere Identität ist unsere Spielwiese und die lässt sich ständig neu erfinden. Auch der Sexualitätsbegriff wird in diesem Zusammenhang breiter gefasst: Von Pansexualität über Queer bis Bisexualität– diese Definitionen sind vielen jungen Menschen heute nicht mehr unbekannt.

Ich Tarzan, du Jane? Das ist Geschichte. Wer sich noch an die traditionellen Rollenbilder klammert, der lebt scheinbar hinterm Mond. Schon lange definieren sich Menschen nicht mehr über eine binäre Sexualität. Sie ist komplex und lässt sich nicht mit einem Stempel zusammenfassen, den man einem Menschen einfach aufdrücken kann – das hat unsere Generation verstanden. So verliebt sich doch niemand in ein Geschlecht, sondern stets in eine Person, und so weiß doch niemand, was er will, bis er oder sie es ausprobiert hat. Rollenbilder, einseitige sexuelle Orientierung oder gar die Einordnung in eine Schublade, vor Ewigkeiten von Schwarz-Weiß-Denkern eingerichtet, sind schlichtweg langweilig und engstirnig.

Die Norm in der Abnorm

Aber was ist die Norm, wenn es gerade angesagt ist von genau dieser abzuweichen? Die besagte Norm scheint in der Abnorm zu liegen. Wo wir uns in Berlin auch bewegen, sehen wir oft Ausgefallenes, das in jeder Kleinstadt und in jedem Dorf verwirrte oder gar missbilligende Blicke auf sich ziehen würde. In Berlin wird dagegen, wenn überhaupt, einmal mit der Schulter gezuckt und der Tag geht seinen Lauf. Wer sich nun fragt, wo das Ausgefallene zu finden ist, der braucht sich nur auf einen beliebigen Unicampus zu begeben, über den Mehringdamm zu spazieren oder eine Tour mit der Ringbahn zu unternehmen, und wird schnell fündig. Allein die Modetrends symbolisieren den nahtlosen Übergang zwischen den Geschlechtern. Ob Männer High Heels und Kleider tragen oder Frauen weite Jeans und Sneaker oder andersherum – es interessiert die Wenigsten. Die heutige Mode ist häufig geschlechtslos.

Die Lebensweisen sind teilweise noch ausgefallener: Ob es nun zwei Antifa-Anhänger in Boots und mit Nasenringen sind, die Hand in Hand am Wittenbergplatz spazieren oder eine WG, die nach PartnerInnen für ihre Orgien sucht – alles kann, nichts muss. Die Hauptstadt hat es schon verstanden: Es gibt mehr als Mann und Frau. Die Grenzen verschwimmen seit langem, und der Fokus liegt immer mehr auf der Individualität getreu dem Motto „Leben und leben lassen“. Jeder Mensch ist einzigartig und somit sollte auch das Unwort „Normalität“ langsam aber sicher aus dem Wortschatz verschwinden. Rassismus und Sexismus sind allerdings, wie allerorts, auch in Berlin wahrlich keine Fremdwörter und vor allem in den Außenbezirken tägliche Realität.

Vorbei sind die Zeiten des Schwarz-Weiß-Denkens

Es bleibt zu hoffen, dass die große Aufgeschlossenheit unserer Generation bald den ganzen Großstadtdschungel ansteckt und diese Stadt zu einer außerordentlichen Toleranzzone über unsere Landesgrenzen hinweg macht. Im Endeffekt erfüllt die Hauptstadt bereits jetzt, unter anderem durch die Generation Y, für ganz Deutschland eine Vorbildfunktion. Berlin macht uns toleranter und öffnet uns mit seiner Diversität die Augen für neue Sichtweisen. Ein Zurück zum Schwarz-Weiß-Denken? Das wird es hier jedenfalls nicht geben.