Glücklos im Berliner WG-Dschungel

Die richtige WG in Berlin zu finden gleicht einem aussichtslosen Kampf. Unzählige Mitstreiter tun alles dafür, um ein Zimmer in guter Lage zu ergattern – unverhältnismäßig hohen Mieten und schrulligen Zimmernachbarn zum Trotz. Ein Erfahrungsbericht.

Glücklos im Berliner WG-Dschungel
Nadel im Heuhaufen: Die passende WG in Berlin zu finden ist alles andere als einfach. Illustration: Angelika Schaefer

WG-Castings sind häufig mehr Qual als Wahl

„Kleines WG-Zimmer in Charlottenburg frei.“

Die Anzeige ist ausführlich und knackig. Meine Mitbewohnerin befindet sich auf dem Weg nach England, mein Mitbewohner und ich sind zwangsweise involviert, da wir nun Ersatz für sie finden müssen. Tim aus Hannover passt doch perfekt: Er putzt liebend gerne alle paar Monate und bringt auch mal den Müll runter. Die Krönung wäre, wenn er dann noch täglich sein eigenes Geschirr wegräumen würde.

David, 23, aus Österreich ist auch ganz bezaubernd, auch wenn die Verständigung nicht optimal abläuft. Er liebt es zu kochen, ist aber nicht der geselligste Mensch, wenn man sich in der Küche über den Weg läuft. Einige schreiben seitenlange Romane, in denen sie ihre tollen WG-Erfahrungen anpreisen, andere halten sich eher kurz: „Hey, was ist mit dem Zimmer?“ Viele wollen sofort einziehen, aber bitte ohne unsere aufgestellten Bedingungen. Facebook-Benachrichtigung von Lisa: „Ich nehme das Zimmer auch ohne Bilder und bezahle mehr Miete, wenn ihr mich nehmt. Brauche die Entscheidung aber sofort.“

Da ist mir Josephine, 21, aus Spanien doch um einiges lieber. Sie ist selten da, aber wenn, bringt sie gerne alle ihre Freunde mit. Um ihre drei Wellensittiche müssten wir uns dann allerdings auch kümmern. Mein Blick fällt auf die gepackten Kartons. Die Absage-Mail wurde direkt zusammen mit der Anzeige verfasst. Meine Mitbewohnerin lächelt mich an und drückt auf absenden: „Dit is’ schließlich Berlin und auf euch hat nun echt keiner gewartet.“

Suche nach passender WG kann zum Spießrutenlauf werden

Nette Abende in der Küche, gemeinsame Serienmarathons und Freunde fürs Leben – so hatte ich mir das WG-Leben vorgestellt. Ich versuchte mir mein erstes Zimmer in Berlin zu organisieren und musste gleich einstecken. In den Anzeigen im Netz wurden einige Forderungen gestellt: Nur mit WG-Erfahrung, nur mit eigener Waschmaschine, nur Bewerber, die mindestens 25 Jahre alt sind.

Mein Traum von der coolen Studenten-WG zerplatze schnell und ich landete in einer Wohngemeinschaft mit zwei Kerlen über 40. Immerhin mit Katze. Auf dem Boden der Realität, bzw. in Neukölln, gelandet suchte ich hoffnungsvoll weiter. Ich verfasste die geforderten Motivationsschreiben und besorgte Unterlagen, die bewiesen, dass ich mit meinen damals 18 Jahren schulden- und straffrei war.

Schließlich bewarb ich mich sogar für eine WG, in der ein Mitbewohner als „WG-Sklave“ angepriesen wurde. Auf so etwas stehe ich zwar nicht, aber beim Staubsaugen hätte er mir gerne helfen dürfen. Leider bin ich nicht zur Besichtigung eingeladen worden. Irgendwann fand ich ein schönes Zimmer in Mitte. Top vorbereitet erschien ich zum Casting. Ich wurde von Säbeln und einer betrunkenen Meute in bunten Kutten begrüßt. Dass die Wohnung einer Burschenschaft gehörte, wurde in der Anzeige nicht erwähnt. Preis, Lage und Not trieben mich jedoch dazu, das Zimmer zu nehmen.

Nach einem halben Jahr merkte die Verbindung jedoch, dass ich weder Zeit und Lust auf die kuriosen Veranstaltungen hatte. Ich durfte dann ausziehen. Mein Freund verfolgte diese Odyssee mit kritischem Blick und erbarmte sich schließlich, mich bei sich aufzunehmen. Immerhin er hat auf mich gewartet.