Freigeister unerwünscht!

Hochschulpolitik war im Wahlkampf 2017 kein Thema. Während Credit Points oder Praktika den Anforderungen des Arbeitsmarktes angepasst werden, bleiben Investitionen in die Hochschulen aus. Ist die Universität zur bloßen Fertigungsfabrik der Arbeitenden von morgen geworden?

Fabrik der Arbeiter von morgen
Sind Freigeister an Universitäten Mangelware? Die Hochschulen scheinen zur Fabrik der Arbeiter von morgen geworden zu sein. Illustration: Manon Scharstein

Am 24. September wurde Angela Merkel zum vierten Mal zur Bundeskanzlerin gewählt. In Sachen Bildungspolitik konzentrierte sich ihr Wahlkampf allein auf Früh- und Schulbildung. Wie viel sie für die Bedürfnisse von Studierenden übrig hat, zeigte sie bereits während des Wahlkampfs 2005. Damals sagte sie auf einer Veranstaltung, dass Leute, die 15, 16 Semester studieren, mit sozialer Gerechtigkeit nichts zu tun hätten.

Heute, zwölf Jahre später, hat sie den Freigeist endgültig aus der Universität verbannt. Standardisierung und „Employability“ bestimmen den Hochschulbetrieb. Mit anderen Worten: Studierende, geht arbeiten! Merkel, die auch CDU-Parteivorsitzende ist, fördert diesen Trend entscheidend.

Berufsorientiertes Studium und Zusammenarbeit mit der Wirtschaft erleichterten den Übergang in den Arbeitsmarkt, heißt es von Seiten der selbsternannten „Volkspartei der Mitte“. Daher sollten das „Erfolgsmodell“ der Fachhochschulen und das Duale Studium weiter ausgebaut werden.

Stehen dem Universitätsbetrieb stürmische Zeiten bevor?

KritikerInnen der zeitgenössischen Hochschulbildung sprechen schon lange von einer Misere der Universität. Wenn man genauer hinschaut, merkt man jedoch, dass diese Beschreibung eher einer Art Midlifecrisis geschuldet ist. Nostalgisch wähnen sich darin alte Hochschul-Eliten in einer intellektuellen Krise. „Die Universität zweifelt an ihrem Zweck“, schreiben dazu die Autoren Yehuda Elkana und Hannes Klöpper in ihrem Buch „Die Universität im 21. Jahrhundert“. Gemeint ist ein fehlender Sinn.

Ursprünglich in der Aufklärung junger Menschen hin zu selbstreflektierten und gesellschaftlich verantwortlichen Bürgern verankert, ist es heutzutage vor allem die Entwicklung hin zur rein beruflichen Ausbildungsstätte, die die Universität depressiv macht. Interessant ist, dass diese Diskussion vor allem im Vom-Tellerwäscher-zum-Millionär-Land USA geführt wird, während in Deutschland die Diskussionen eher technischer Natur sind.

Dabei ist für Elkana und Klöpper genau diese Frage wesentlich, um Studierende auf die komplexen und vor allem interdisziplinären Probleme des (Arbeits-)Lebens vorzubereiten. Arbeit verlangt auch gesellschaftliches Feingespür im Sinne von Gewissenhaftigkeit und Ethos. Wie sonst sollte Teamfähigkeit funktionieren?

Das Unheil der Bologna-Reform

Grundlegend wird diese Kritik vor allem von den Geisteswissenschaften praktiziert. Sie ist unmittelbar an die Bologna-Reform der Universitäten gekoppelt, die Studierende mobiler und international vergleichbar machen sollte. Seit jeher wird sie bemängelt und bisweilen als „Unheil“ bezeichnet. Dieser Tadel wurde vom FAZ-Ressortleiter der Geisteswissenschaften, Jürgen Kaube, in seinem 2009 erschienenen Buch „Die Illusion der Exzellenz“ vorangetrieben. Lösungsvorschläge sucht der Leser hier jedoch vergebens.

Wenn es dann darum geht, die Probleme mit mutigen Vorschlägen zu überwinden, erweisen sich gerade jene Kritiker aus den Geisteswissenschaften als die eigentlichen Nostalgiker, die sich um die Qualitätssicherung der Hochschullehre sorgen. Das wird im Bereich der Digitalisierung der Hochschulen deutlich.

Als „Bremser“ sieht Martin Grötschel von der Berlin-Brandenburgischen Akademie der Wissenschaften etwa das Beharren der Geisteswissenschaften auf der Verlagsarbeit. Letztere reklamieren für sich die Qualitätssicherung in der Wissenschaft und lobbyieren deshalb in den Feuilletons gegen „Open Access“, also der freie Zugang zu wissenschaftlichen Artikeln für jedermann zu jeder Zeit. Gerade das ist allerdings bei steigenden Studierendenzahlen zwecks Selbstständigkeit hilfreich.

Engagiert, aber nicht gebildet?

Die Forderung, die Universitäten müssten zu mehr Allgemeinbildung und Selbstreflexion zurück, trifft es somit nur teilweise. Vielmehr wird die Kritik zahnlos, wenn sie auf einem Bildungsideal beharrt, das vermeintlich nur einige wenige besitzen. Elkana und Klöpper plädieren deshalb für „engagierte“ anstatt „gebildete“ Studierende. Denn auch der Arbeitsmarkt bietet zahlreiche Möglichkeiten für gesellschaftliches Engagement.

In einer gemeinsamen Wahlumfrage von Spiegel und Civey im August 2017 konnten sich 26,2 Prozent der 18- bis 29-jährigen Jungwähler vorstellen, die CDU zu wählen und satte 15,4 Prozent die FDP. Ob jene sich dann tatsächlich gesellschaftlich engagieren, darf bezweifelt werden. Auf die finanzielle und soziale Unterstützung dieser Parteien brauchen Studierende aber sicherlich nicht zu warten. Warum auch, sie gehen lieber arbeiten.