Eislaufhexe im Hasenpelz

Als erste Frau im Eiskunstlauf, die den dreifachen Axel ausführte, wurde Tonya Harding weltberühmt. Durch ein Attentat auf ihre Konkurrentin Nancy Kerrigan wurde sie wenig später zur verhassten „Eislaufhexe“. Der Film „I, Tonya“ erzählt die Geschichte vom Aufstieg und Fall einer ambivalenten Ausnahmesportlerin aus der US-amerikanischen Unterschicht.
Tonya Harding (gespielt von Margot Robbie) landet als erste Amerikanerin den Dreifachaxel. Foto: © DCM
Tonya Harding (gespielt von Margot Robbie) landet als erste Amerikanerin den Dreifachaxel. Foto: © DCM

Es geht um einen der größten Skandale der Sportgeschichte und eine Biografie, die sehr ungewöhnlich ist: Ein Mädchen aus der Unterschicht schafft es trotz Armut und Perspektivlosigkeit zur erfolgreichen Profi-Eisläuferin. Sie hat nicht nur ein außergewöhnliches Talent, sondern sie arbeitet auch außergewöhnlich hart – der perfekte amerikanische Traum also.

Doch dieser Traum läuft völlig aus dem Ruder: Sie gerät an den falschen Mann, wird permanent zum Opfer seiner Prügelattacken. Er versucht ihre Konkurrentin auszuschalten, indem er deren Knie mit einer Eisenstange zertrümmern lässt. Sie wird dafür lebenslang vom Sport gesperrt.

Im Mockumentary-Stil berichtet der Film „I, Tonya“, wie es zu dem Attentat und dem bitteren Karriereende von Tonya Harding kam. Dabei blicken Tonya (gespielt von Margot Robbie), ihr Ex-Ehemann Jeff Gillooly (Sebastian Stan) und ihre Mutter (Allison Janney) in fingierten Interviewsequenzen auf das Geschehen zurück.

Tonya, der „White Trash Redneck“

In Rückblenden wird die Geschichte vor allem aus Tonyas Perspektive geschildert, beginnend bei ihren ersten Eislaufübungen unter den strengen Augen ihrer tyrannischen Mutter über ihre ersten Wettbewerbe bis hin zu internationalen Erfolgen, die ihr im Nachhinein aberkannt wurden. Ob sie von den Anschlagsplänen auf Kerrigan wusste, bleibt offen, auch wenn die echte Tonya Harding Anfang 2018 in einem Interview zugab, zumindest etwas davon geahnt zu haben.

Um die Schuldfrage geht es dem Film aber nicht. Auch scheint es weniger darum zu gehen die echte Tonya Harding zu porträtieren. Vielmehr versucht der Film auf zynische Art und Weise das Milieu abzubilden, dem seine Hauptfigur entstammt. Als „White Trash Redneck“ bezeichnet sie sich selbst. Was der Film darunter versteht, wird schnell klar: Bildungsferne, Armut, Sucht, Gewalt. Permanent versuchen die Protagonisten aus dieser Welt auszubrechen – und scheitern.

Krawallige Mutter treibt Tonya zur Höchstleistung

Getragen wird „I, Tonya“ vor allem von der Hauptrolle, für die Margot Robbie eine Oscar-Nominierung erhielt, aber auch von Allison Janney (ausgezeichnet mit dem Oscar für die beste Nebendarstellerin) als alkoholabhängige und dauerqualmende Mutter LaVona, die sich mit Kellnern über Wasser hält und um jeden Preis den sportlichen Erfolg der Tochter herbeiführen möchte.

Tonyas dauerqualmende Mutter LaVona Golden (gespielt von Alisson Janney) macht ihr das Leben zur Hölle. Foto: © DCM
Tonyas dauerqualmende Mutter LaVona Golden (gespielt von Alisson Janney) macht ihr das Leben zur Hölle. Foto: © DCM

Dabei schreckt sie weder vor physischer noch vor psychischer Gewalt zurück. Sie sorgt dafür, dass Tonya, deren Talent fürs Eislaufen sich bereits im Alter von drei Jahren bemerkbar macht, härter trainiert als alle anderen. Gelobt wird Tonya von ihr nicht, allenfalls beschimpft. Aber genau das treibt die Tochter zu Höchstleistung an.

Von Anfang an hat Tonya es schwerer als ihre Konkurrentinnen. Ihre billige Achtzigerjahrefrisur, die hässlichen selbstgenähten Kostüme, der blaue Nagellack und ihre Musikauswahl (ZZ Top) missfallen den Preisrichtern und sorgen für Abzüge in den Wettbewerbsnoten. Als sie sich beschwert, antwortet man ihr, sie entspreche nicht dem Idealbild der amerikanischen Eiskunstläuferin. In solchen kritischen Momenten liegt die Stärke des Films, wenn er die kaum objektiven Bewertungskriterien dieser Sportart sowie die unterschwellige Ignoranz der amerikanischen Mittelschicht offenlegt.

Stark und schwach zugleich

Doch sowohl Tonya als auch ihre Mutter sind fest entschlossene Persönlichkeiten, die sich nicht unterkriegen lassen und stets versuchen, das Beste aus ihrer Situation zu machen. Dabei bestechen die Charaktere durch Erfindungsreichtum und Raffinesse, was zunächst fast sympathisch wirkt und einer gewissen Komik nicht entbehrt.

Etwa, wenn die Trainerin Tonyas Kleidungsstil kritisiert und der Mutter empfiehlt einen Pelzmantel für die Tochter zu kaufen, wie ihn die anderen kleinen Mädchen tragen. Kurzum wird der Vater in den Wald auf Hasenjagd geschickt, und Tonya bekommt einen selbstgemachten Hasenpelzmantel, den sie am nächsten Tag erhobenen Hauptes in der Schule trägt. Das sorgt für Lacher im Kinopublikum, die an anderer Stelle aber wieder im Hals stecken bleiben.

Tonya ist nämlich nicht nur das willensstarke Mädchen mit den Sprüchen, die Fausthieben gleichkommen. Als Opfer häuslicher Gewalt ist sie eine Getriebene, der man nichts mehr wünscht, als dass sie sich endlich emanzipiert. Die junge Tonya schafft es nicht, sich vom Einfluss der Mutter freizumachen, die sie mit unerbittlicher Härte und Lieblosigkeit drillt. Beim Training verbietet sie der Tochter eine Toilettenpause einzulegen, sodass das Mädchen seine Notdurft direkt auf dem Eis verrichtet. Während eines Streits verletzt sie die Mutter sie mit einem Messer.

Kaum stärker als die jungendliche Tonya wirkt die erwachsene. Obwohl ihr dümmlicher Ehemann Jeff sie regelmäßig verprügelt und sogar auf sie schießt, kommt sie nicht von ihm los. Zwar lässt sie sich scheiden, kehrt vor den Olympischen Spielen aber zu ihm zurück, weil sie glaubt, es nicht ohne ihn zu schaffen. Vielleicht ist das ihr tragischster Fehler.

Sichtlich stolz: Tonya (Margot Robbie) hat es geschafft und steht auf dem Siegertreppchen. Foto: © DCM
Sichtlich stolz: Tonya (Margot Robbie) hat es geschafft und steht auf dem Siegertreppchen. Foto: © DCM

Tragische Story als Kassenschlager

Wir mögen Tonya, weil sie gut ist in dem, was sie tut, und der Erfolg ihr recht gibt. Wir fühlen mit ihr, weil es uns leidtut, wie sie von ihrer Mutter und später von ihrem Mann misshandelt wird. Aber wir misstrauen ihr auch, weil im Film nicht klar wird, ob sie nicht doch von dem Attentat gewusst hat. Obwohl Tonya keine Schulausbildung hat und sich einer primitiven Proleten-Sprache bedient, wirkt sie bisweilen auch ziemlich schlau.

Wenn sie sich in die Kamera dreht und dem Publikum erklärt, man schlachte ihre Geschichte aus, wirkt das zwar einerseits komisch, hebt das Ganze aber auch auf eine Ebene selbstkritischer Reflexion. Diese hat der Film nötig, sonst wäre das Vorführen der Unterschicht womöglich unerträglich.