Eine Nacht voller Trap

Was in Amerika längst zu jedem Festival gehört, ist in Deutschland noch weitgehend unbekannt: Trap. Die beiden DJs Janik und Marc feiern in Berlin eine Szene, die hier noch in den Kinderschuhen steckt. Doch wie erreicht man als Vorkämpfer des Trap die Massen, wenn die Hauptstadt lieber Techno hört? Auf geht’s in eine Nacht voller Trap, in eine Nacht voller Zuversicht.

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Marc und Janik sind konzentriert bei der Arbeit. Die „Future Dance Music“ soll erfolgreich werden. Foto: privat

Marc steht lässig im nebligen Gang des Clubs „Musik & Frieden“ in Berlin-Kreuzberg. Er trägt schwarze Sneaker mit blau-weiß-roten Streifen. „Wie es sich für einen richtigen Franzosen gehört“, lacht er. Eine Hand in der dunklen Hose, die andere auf der Schulter von Janik, dem Gründer der Veranstaltungsreihe „Future Dance Music“. Diese hat ein klares Ziel vor Augen: Trap ganz groß machen – und das natürlich in Berlin.

Trap ist ein Genre, mit dem viele auf den ersten Blick nichts anfangen können oder wollen. Denn Berlin ist verdrogt, Berlin ist dunkel und Berlin ist vor allem die Hauptstadt des Techno. Warum also auf einmal Trap-Musik? „Weil es einfach geil ist. Weil es Bock macht. Weil da Energie drinsteckt!“, grinst der Berliner mit französischen Wurzeln.

Mit dem Harlem-Shake fing alles an

Für ihn ist die Sache klar: Die meisten DJs spielen – ganz nüchtern betrachtet – immer dieselben Beats. Keine Vielfalt, keine Alternativen. Marc und sein Mitstreiter Janik, die inzwischen viele der eintreffenden Gäste begrüßen, unterscheiden sich optisch kaum vom üblich lässigen HipHop-Publikum. Feiern gehörte für die beiden immer dazu. Ob in Hamburg oder Berlin.

Die Wörter detailreich und Techno konnten sie trotzdem nie unter einen Hut bringen. Aus der Alternativlosigkeit heraus entstanden ein aufwendiger Musikblog und drei Gigs pro Monat. Dabei begann für Marc alles mit einem so simplen wie epischen Song: dem Harlem-Shake. Dieser basslastige Track gehört einem Stil an, der seinen Ursprung in den Südstaaten der USA hat. Dort gehört Trap zu jedem vernünftigen Line-Up eines großen Festivals.

Wirklich einheitlich tritt die Szene aber nicht immer auf: Die Unterscheidung reicht vom überwiegend elektronischen EDM-Trap über klassischen HipHop-Trap bis hin zum sanfteren „Future Bass“.

Im Musik & Frieden feiert sich die Szene

Die beiden EDM-DJs stehen stolz vor dem Raum, aus dem inzwischen die ersten ihrer Beats ertönen. Junge Partygänger laufen mit schnellen Schritten zur Garderobe, an der sie vom Clubpersonal mit einem freundlichen Lächeln begrüßt werden, das im Laufe des Abends immer gequälter wirkt.

Die Garderobe passiert, steuern die Gäste geradewegs auf die meterlange, rustikale Bar zu. Es ist 1 Uhr nachts. Die Gästeliste ist bereits geschlossen und die Schlange vor dem Club wird immer länger. Auf den Floors lassen sonst unter anderem „DJ Craft“ und „Shimmi Yo“ die feierwütige Meute tanzen. Im Musik & Frieden wird an langen Partyabenden musiktechnisch einiges geboten.

Es ist ein Ort mit „genreübergreifendem Booking“, wie ein Blick auf die Website des Clubs zeigt. Am letzten Freitag eines jeden zweiten Monats wird im „Schwarzen Zimmer“ jedoch für eine besondere Veranstaltung Platz gemacht: die Future Dance Music. Janiks gleichnamiger Musikblog reichte ihm damals nicht. Auf einer Party in Hamburg traf er auf Marc, einem der Künstler des Berliner DJ-Duos MRJAH. Beide hatten damals schon die Vision, Menschen aus aller Welt zusammenzubringen und junge, aufstrebende Talente zu fördern. Internationale DJs, darunter Alexander Lewis aus Kalifornien sowie „snavs“ aus Dänemark, legten bereits für die Future Dance Music auf. Sich gegenseitig zu feiern und sich damit etwas zurückgeben, das ist die Idee.

Tequila und Konfetti zum Start in die Nacht

Keine Trap-Party ohne epische Kulisse. Satte Beats untermauern die ausgelassene Stimmung. Foto: privat

Vor jedem guten Gig gilt: Erst die Arbeit, dann das Vergnügen. Also wird in Feinarbeit das technische Equipment aufgebaut. Fast noch wichtiger ist aber das Ritual, dass Marc und Janik vor jeder Veranstaltung pflegen: lecken, trinken, beißen. Eine Runde Tequila kurz bevor die Lichter angehen.

Langsam füllt sich der dunkle Raum, der durch blitzende Scheinwerfer in bunte Farben getaucht wird. Eine Etage darüber: der Backstage-Bereich. Hier oben ist es laut und neblig, aber auch sehr gemütlich. Rote Sofas reihen sich in verschiedenen Räumen, offene Pizzakartons stehen auf DIY-Holztischen. Überall liegen Bierflaschen und Jacken. Ein Blick zurück auf den Floor zeigt die größer werdende Menschenmasse, die mittlerweile hemmungslos zur Musik tanzt.

Für viele ist das Musik & Frieden ein Kreuzberger Schmuckstück, für Janiks Veranstaltungsreihe wurde es eine Art neues Zuhause. Die erste Party, damals noch in Hamburg, war ein finanzielles Fiasko. Viel zu viel Vorbereitung für viel zu wenige Gäste. Die Konfettimaschine pustete Papierschnipsel auf einen halbleeren Dancefloor, geladene DJs mussten in Janiks Wohnzimmer übernachten. „Als DJ hast du quasi immer ein Kartendeck wie beim Pokern und musst die richtigen Karten legen, damit die Party geil wird“, sagt er.

Schnell wird klar: Der gebürtige Hamburger weiß, seine Vision und sich wortgewandt zu präsentieren. „Wir leisten derzeit echt extrem viel Pionierarbeit in Sachen Trap. Ich glaube, dass 2018 super viele Leute zu den Partys kommen, die nochmal etwas jünger sind als wir und genauso Bock haben, Teil dieser Veranstaltung zu sein.“

„Die ältere Generation hier in Berlin, die rafft das noch nicht so“

Dass alle Beteiligten mit Herzblut bei der Sache sind, ist sofort spürbar. Die beiden Jungs sind gut gelaunt. Im Musik & Frieden feiert sich die Trap-Szene selbst. Aber sie wächst nur langsam: Newcomer nehmen oft viel weniger Geld als etablierte Künstler, die inzwischen um ihre Existenz kämpfen. Die Trap-Szene besetzt in Deutschland immer noch eine Nische, für den Mainstream ist sie zu jung.

Selbst international bekannte Stars wie „Yellow Claw“ spielen in leeren Hallen vor 200 Gästen. Die Vermutung, dass wir hier noch nicht so weit sind, wird von Marc motiviert weggelächelt und einschlägig kommentiert: „Das Ding ist, dass immer auch ein neuer Zeitgeist da sein muss. Trap wurde eigentlich schon vor einigen Jahren aufgelegt. Nur die ältere Generation hier in Berlin, die rafft das noch nicht so.“

Die Zeiger von Janiks schwarzer Lederuhr bewegen sich schwerfällig auf 3 Uhr zu. Ein Mädchen mit grauem Oberteil und dunklen lockigen Haare verabschiedet sich. Eine Bierflasche fällt zu Boden. Die schäumende Flüssigkeit bahnt sich schlagartig ihren Weg über den grauen Beton. Marc erhebt sich schwungvoll aus einem roten Sessel. Das einzigartige Trap-Gefühl hat ihn damals zum Tanzen gebracht und heute lebt er es im Club als DJ für die Future Dance Music aus.

Janik hingegen tobt sich als Gründer der Partyreihe auch im Online-Marketing aus. Social Media und die rasche Digitalisierung erschweren die Promotion der Events, weil Anzeigen auf Facebook und Co. einfach zu teuer geworden sind. Doch wenn die beiden auflegen, dann ist Werbung nicht mehr wichtig. Sie sind dann ganz bei der Sache. „Denn eine Party lebt ja vom Hype und der findet eben offline statt“, sagt Marc, zieht die Kopfhörer wieder auf und schaut begeistert auf die tanzende Menge.