Die Löwenbändigerin

Jung, mutig, ausgezeichnet: Eva Schulz steht für eine neue Generation von JournalistInnen, die mit innovativen Formaten im Netz junge Menschen für Politik begeistern.

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Jung und alles andere als politikverdrossen: Nachwuchsjournalistin Eva Schulz ist mit ihrem Online-Format „Deutschland3000“ auf Erfolgskurs. Bild: Funk

Spree: Du hast Kommunikation, Kultur und Wirtschaft studiert. Das scheint mir breit gefächert zu sein. Wieso wolltest du gerade in den Journalismus?

Schulz: Schon als Schülerin wusste ich, dass ich Journalistin werden wollte. Ursprünglich war mein Wunsch, direkt nach dem Abitur auf eine Journalistenschule zu gehen. Gleichzeitig dachte ich aber, dass meine Chancen da besser stehen würden, wenn ich vorher ein Studium absolviere. Am Bodensee habe ich also Communication and Cultural Management studiert, eine tolle Verbindung aus Kultur, Management und Medien. Am Ende war ich so begeistert vom Studieren, dass ich mich gar nicht mehr an Journalistenschulen beworben habe.

Warum wolltest du über politische Themen berichten?

Nach der Uni habe ich begonnen intensiv zu reisen. Das hat mich politisiert, weil man unmittelbar wahrnimmt, wie das Leben in anderen Ländern funktioniert und wie gut es uns Deutschen in vielerlei Hinsicht geht. Trotzdem war meine Entscheidung über Politik zu berichten auch nicht ganz uneigennützig: Ich hatte mir bei den letzten Bundestagswahlen immer vorgenommen, eine total reflektierte Wahlentscheidung zu treffen. Aber am Ende ist es immer das Gleiche: Man liest sich natürlich nicht jedes Wahlprogramm durch und setzt sich doch nicht genug mit der Parteienlandschaft auseinander. Ich dachte, dass es ganz praktisch wäre, als Politikjournalistin zu arbeiten, weil ich dann auch die Möglichkeit hätte, mich ausgiebig mit meiner ganz persönlichen Wahlentscheidung auseinanderzusetzen. Außerdem hatte ich immer das Gefühl, dass es zu wenige junge Sichtweisen auf das politische Geschehen gab.

Bei Funk, dem Content-Netzwerk von ARD und ZDF, produzierst du die Sendung Deutschland3000. Erzähl uns ein bisschen über dieses Format.

Der Wunsch nach neuen Formaten hat mich zu Funk gebracht, und als ich mein Projekt vorgestellt habe, sagten die Verantwortlichen einfach, „Ja, dann mach doch mal!“. Funk war ursprünglich mal als Jugendsender konzipiert – ähnlich wie der Kinderkanal, nur für eine ältere Zielgruppe. Dann ist den öffentlich-rechtlichen Anstalten aber klargeworden, dass die 14- bis 29-Jährigen eigentlich kein Fernsehen mehr schauen. Bestimmte Gruppen erreicht man eben viel besser über das Netz. Daraufhin wurde beschlossen, dass Funk komplett online stattfinden soll. Deswegen gibt es Deutschland3000 jetzt auf Facebook und Youtube. Es soll kein politisches Erklärbär-Format sein, bei dem ich mit erhobenem Zeigefinger erkläre, wie der Bundestag funktioniert. Das wäre nichts, was unsere Zielgruppe im Netz liken und teilen würde. Ich selber habe damals Stimmen und Medien vermisst, mit deren Hilfe ich mir zu politischen Sachverhalten eine Meinung bilden kann. Das ist auch der Anspruch von Deutschland3000. Wir nehmen eine Haltung ein, der man nicht zwangsläufig zustimmen muss. Wir wollen eine Reibungsfläche bieten und manchmal auch provozieren. Der schönste Kommentar ist, wenn mir ein User schreibt, dass sie oder er vielleicht nicht unsere Meinung teilt, aber auf neue Gedanken gekommen ist. Dann denk ich mir immer: Okay, cool, Job erfüllt.

Du bist erst 27 Jahre alt und wurdest Anfang 2018 als Unterhaltungsjournalistin des Jahres 2017 ausgezeichnet. Hättest du mit einem so durchschlagenden Erfolg gerechnet, als Deutschland3000 an den Start ging?

Nein. Punkt! (lacht) Es hat mich total überrascht. Als ich den Anruf bekam, habe ich mich erst einmal unter den Tisch gesetzt. Ich wusste überhaupt nicht, was das jetzt für mich und die Sendung bedeutet. Ich bin immer noch sehr ehrfürchtig, wenn ich an die Auszeichnung denke. Trotzdem sind Preise nicht alles. Da freuen sich dann kurz Mama und Papa drüber, aber im Alltag bringt mir das alles nichts, wenn unsere User nicht aktiv mit uns über Politik diskutieren. Dialoge in sozialen Netzwerken sind die viel größere Belohnung. Trotzdem ist der Preis wichtig: Manche Kolleginnen und Kollegen denken nämlich, dass wir einmal pro Woche ein zweiminütiges Video für Facebook drehen und das war’s dann. Aber wenn sich eine ganze Jury durchringt, einem unkonventionellen Format einen Preis zu verleihen, dann hat das Signalwirkung.

Vor Deutschland3000 hast du das Snapchat-Format „Hochkant“ bedient und dir einen Namen gemacht, als du über den US-Wahlkampf gesnappt hast. Inwieweit war diese neue Form der Berichterstattung für dich eine Herausforderung?

Schulz: Ehrlich gesagt: Ich habe Snapchat mittlerweile gar nicht mehr auf meinem Handy. Es gibt zwar noch eine breite Nutzerschicht, aber das sind vor allem Teenager, und inzwischen arbeite ich ja für eine etwas ältere Zielgruppe. Ich fand es immer spannend herauszufinden, wie Journalismus auf neuen Plattformen funktioniert, und deshalb war die Arbeit für Hochkant sehr lehrreich. Zwar ist Facebook eine etablierte Plattform, aber wir müssen uns nach jeder Algorithmus-Änderung neu überlegen, wie wir unsere Geschichten bestmöglich präsentieren. So bleibt es Woche für Woche spannend.

Es herrschte lange Zeit eine Debatte über die Politikverdrossenheit junger Menschen in ganz Europa. Glaubst du, dass die Generation der 20- bis 29-Jährigen einfach einen anderen Zugang zu politischen Themen benötigt?

Ich würde gerne widersprechen. Ich glaube, dass junge Menschen nicht politikverdrossen sind. Die Digitalisierung beeinflusst natürlich stark, wie wir uns Meinungen bilden. Das heißt, wir sind andere Geschwindigkeiten gewohnt. Wir wollen Informationen so schnell wie möglich erhalten. Dadurch, dass wir uns an das Tempo angepasst haben, erwarten wir auch schnellere Effekte in der Politik. Wenn die ausbleiben, macht das junge Menschen zwar nicht politik-, aber oftmals parteienverdrossen. Du brauchst Ewigkeiten, um in den großen Parteien Vorschläge durchzubekommen. Viele junge Menschen suchen sich andere Wege, sie engagieren sich lokal.

Deine Abschlussarbeit handelt von „Innovationsverhinderung im öffentlich-rechtlichen Fernsehen“. Hat sich deine Meinung darüber geändert, nachdem du mit deinem innovativen Format aus Rundfunkbeiträgen finanziert wirst?

Als ich die Arbeit geschrieben habe, gab es Funk noch gar nicht. Ich habe damals schon für die Öffentlich-Rechtlichen gearbeitet und gesehen, dass es dort zwar viele kreative Medienmacher gibt, ihre Ideen aber zu selten umgesetzt wurden. Das war der Grund für diese Abschlussarbeit. Und dann kam Funk! Deren Konzept hat mir Hoffnung gemacht, weil die Verantwortlichen die Dinge in Angriff nehmen wollten, die mich so geärgert haben. Deswegen bin ich sehr glücklich, dass ich heute dort arbeiten kann. Ich bin ein Teil von denjenigen, die versuchen es besser zu machen. Es ist schön zu sehen, dass sich auch die schweren Schiffe ARD und ZDF bewegen können und Innovationen fördern.

Politikjournalismus scheint immer noch eine Männerdomäne zu sein. Der amtierende Arbeitsminister Hubertus Heil (SPD) nannte dich mal im Gespräch eine „Löwenbändigerin“. Was hat es mit dieser Aussage auf sich?

Hubertus Heil war im Sommer vor der Bundestagswahl 2017 bei einer Veranstaltung zur Digitalisierungspolitik zu Gast, die ich moderiert habe. Viele der etablierten Parteien waren vor Ort und mussten ihre Strategien zur Digitalisierung pitchen. Als Moderatorin musst du natürlich dazwischen gehen, wenn jemand viel zu lange redet. Ich glaube, man war es nicht gewohnt, dass eine Frau da so forsch rangeht. Manchmal habe ich Gästen einfach das Mikrofon weggenommen. Das war nicht nur notwendig, sondern zum Teil auch ganz unterhaltsam. Am Ende des Gesprächs kam Hubertus Heil zu mir und verabschiedete sich mit einem Handkuss und den Worten „Sie Löwenbändigerin!“. Er meinte es wohl als Kompliment, aber natürlich kam es bei mir ein bisschen anders an. Ich habe mich im Nachhinein gefragt, ob er das genauso zu einem Mann gesagt hätte. Höchstwahrscheinlich nicht.

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Auf die Zwölf: Mit Deutschland3000 bietet sie jungen Menschen die Möglichkeit, sich über politische Themen zu informieren. Bild: Funk

Mitte März warst du beim „Neo Magazin Royale“ zu Gast. Jan Böhmermann erzähltest du, dass es im Kabinett von Angela Merkel immerhin einige Politiker gibt, die jünger seien als deine Eltern. Brauchen Deutschlands Parteien nicht eine viel umfangreichere Frischzellenkur auf oberster Ebene?

Es ist wichtig, dass die Parteien verstärkt Wert auf ihre eigene Verjüngung legen. Es gibt viele junge Mitglieder in den Parteien, die müssen aber auch gehört werden. Das kann man letztlich auch auf unsere Gesellschaft übertragen. Die Meinung junger Leute muss stärker abgebildet werden. Nicht nur auf Jugendportalen wie Ze.tt oder Bento. Man muss die jungen Perspektiven in die Medien unserer Eltern und Großeltern tragen, damit es nicht zu einem Generationen-Clash kommt. Diese Vielfalt sollte sich auch im Bundestag widerspiegeln.

Unsere Generation ist wohl die erste, die man als Digital Natives bezeichnen kann. Was hältst du von der Haltung der derzeitigen Staatsministerin für Digitales, Dorothee Bär (CSU), wenn sie in Interviews über Flugtaxis und autonomes Fahren fabuliert? Blendet Deutschland nicht die wirklichen Probleme der Digitalisierung, wie den Breitbandausbau, konsequent aus?

Ich würde nicht von fabulieren sprechen. Es ist immer leicht, einzelne Momente und Zitate herauszupicken und viral gehen zu lassen. Im ZDF-Interview mit Marietta Slomka kam sie deshalb rüber, als hätte sie zu viele Science-Fiction-Bücher auf dem Nachttisch liegen. Aber Flugtaxis werden ja tatsächlich schon getestet, beispielsweise in Dubai. Ich finde es gut, dass es eine Politikerin in der Regierung gibt, die schon drei Schritte weiterdenkt, anstatt nur die nächste Legislaturperiode im Blick zu haben. Es hat mich aber überrascht, dass sie nicht erst etwas zum Breitbandausbau gesagt hat und dann etwas über den Verkehr der Zukunft, weil sie damit gezeigt hätte, dass sie auf kurze und auf lange Sicht die Digitalisierung vorantreiben will.

Politiker wie Kevin Kühnert (SPD), die ihren gesellschaftspolitischen Visionen treu bleiben wollen, geht zwar eine große Strahlkraft voraus, aber das politische Berlin scheint solche Revoluzzer früher oder später handzahm zu machen, wenn man weiter im Spiel bleiben möchte. Wenn du entscheiden müsstest, wofür würdest du dich stark machen? Pragmatik oder Idealismus?

Kann man die Entscheidung zeitlich begrenzen? (lacht) Dann würde ich ein Jahr lang auf Idealismus umschwenken und beobachten wollen, was so passiert. Ich glaube, dass man sich in Deutschland sicher auch eine Art Macron, Trudeau oder Sanders wünscht – eine Lichtgestalt, die für einen radikal anderen Kurs steht. Dieses Moment hat Kühnert meiner Meinung nach gut eingefangen und ins politische Berlin getragen. Dort hat er sich damit nicht unbedingt Freunde gemacht, dafür aber in der Bevölkerung und bei seinen Unterstützern. Er hat das schlau angestellt. Ich kann mir vorstellen, dass er sehr pragmatisch ist, sein Konzept aber gekonnt als Idealismus verkauft. An sich ist Pragmatismus nichts Schlechtes, nicht umsonst wurde Angela Merkel zum vierten Mal gewählt. Sie ist quasi die Gallionsfigur des deutschen Pragmatismus. Wenn man den mit ein wenig Idealismus anreichen könnte, wäre das sicher eine spannende Kombination

In dieser Ausgabe der Spree dreht sich alles um das Thema Dschungel. Wie steht es um deinen grünen Daumen? Und welche grüne Oase kannst du uns stressgeplagten Studierenden ans Herz legen?

Schulz: Ich habe ganz viele Zimmerpflanzen, aber auf meinem Balkon ist die Sache mit dem grünen Daumen letztes Jahr nicht so gut gelaufen. Aber ich liebe Pflanzen und ich liebe den Wald. Jetzt muss ich nur kurz überlegen, ob ich meinen Lieblingsort wirklich verraten soll… . Also, mal so ganz unter uns: Ich liebe den Comenius-Garten in Rixdorf. Das ist wirklich ein Kleinod und einer der tollsten Gärten in ganz Berlin. Als ich noch studiert habe, bin ich häufig zum Lesen und Lernen dorthin gekommen. Da konnte man sich in einer zugewachsenen Ecke hinsetzen und richtig entspannen. Wenn in zwei Monaten alles blüht, kann ich einen Besuch wärmstens empfehlen.