Die Heldenmacherin

800.000 Menschen in Berlin gehen einem Ehrenamt nach. Sie setzen ihre Talente und Fähigkeiten ein, um die Gesellschaft zu gestalten und besser zu machen. Eine davon ist die Medizinstudentin Anika Dietrich (21), die GrundschülerInnen Erste-Hilfe-Maßnahmen vermittelt.

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Sie machen es vor: Auch Anika Dietrich (21) gehört zu den Ehrenämtler, die jungen Menschen Erste Hilfe beibringen. Foto: Pépinière e.V.

Spree: Du engagierst dich in einem Verein, der Kindern das Thema Erste Hilfe näherbringt. Wie bist du dazu gekommen und was machst du genau?

Anika Dietrich: Am Anfang des Studiums bin ich zu diesem Markplatz an meiner Uni gegangen, wo sich verschiedene studentische AGs und Projekte vorstellen, in die man sich neben dem Studium einbringen kann. Darüber bin ich zu der Initiative „Jeder kann ein Held sein“ gekommen. Das ist eine Uni-AG, aber es steckt eigentlich ein Verein dahinter, der Pépinière e.V. Wir besuchen Grundschulen und machen mit SchülerInnen Projekte zum Thema Erste Hilfe. Mittlerweile haben wir schon über 3000 Kindern eine Erste-Hilfe-Einführung gegeben. Das ist noch kein richtiger Erste-Hilfe-Kurs wie beim Führerschein. Es geht aber trotzdem darum, dass bereits Kinder lernen, wie man im Notfall hilft und dass sie nicht wegschauen, wenn jemand Hilfe benötigt.

Was ist das besondere an der Arbeit mit Grundschulkindern?

Die Grundschüler sind unbefangen. Sie haben noch keine Berührungsängste, etwa an einer Puppe Reanimation zu üben. Sie finden das einfach toll und machen mit.

Woher kannst du das, was ihr den Kindern in den Projekttagen vermittelt?

Ganz am Anfang des Medizinstudiums lernt und übt man gleich Erste-Hilfe-Maßnahmen wie zum Beispiel Stabile Seitenlage, weil das wichtiges Grundlagenwissen ist. In unserem Verein sind viele Medizinstudenten, aber auch viele ehrenamtliche oder hauptberufliche Rettungssanitäter. Wer bei uns mitmacht, hat in der Regel also schon Kenntnisse im medizinischen Bereich.

Warum willst du Ärztin werden?

Schwierige Frage. Ich finde den Prozess von der Diagnostik bis hin zur Therapie sehr spannend. Es interessiert mich, warum ein Mensch krank wird, und wie man jemanden behandeln kann, damit es ihm wieder besser geht.

Was bedeutet euer Vereinsname „Pépinière“?

Das kommt aus dem Französischen und bedeutet „Baumschule“. Der Begriff stammt aus der preußischen Militärarztausbildung im 19. und frühen 20. Jahrhundert, also aus einer Zeit, in der sich noch nicht jeder ein Medizinstudium leisten konnte. „Pépinière“ war eine Gegenbewegung, die Bildung für alle anbieten wollte. Dieser Gedanke steckt auch hinter unserer Arbeit, die wir an den Schulen machen. Wir bekommen von den Eltern oder der Schule kein Geld dafür. Alle Kinder können mitmachen. Uns ist wichtig, dass jede/r Erste Hilfe-Maßnahmen beherrscht.

Warum?

Bis die Ärzte einen Patienten sehen, kann es oftmals schon zu spät sein. Wenn beispielsweise niemand reanimiert, kann am Ende der beste Arzt nichts mehr tun.

Kürzlich wurde ein Fall bekannt, bei dem ein Mann in der Straßenbahn umgekippt und gestorben ist, weil von den 50 anderen Fahrgästen niemand reanimiert hat. Ärzte kritisierten im Nachhinein, dass der Mann wahrscheinlich überlebt hätte, wenn jemand Erste Hilfe geleistet hätte. Woran liegt es, dass so wenig Menschen helfen?

Viele Leute haben große Angst etwas falsch zu machen und denken, wenn ich jetzt etwas mache, wird es noch schlechter. Die meisten Leute machen einmal im Leben einen Erste-Hilfe-Kurs und zwar für den Führerschein. Da ist es auch verständlich, wenn man im Notfall nicht genau weiß, was man zu tun hat. Aber selbst wenn man im Moment nicht weiter weiß, den Notruf kann jeder wählen. Über den Notruf erhält man dann auch weitere Instruktionen.

Also sollte jede/r regelmäßig Erste Hilfe üben?

Das wäre super! Unter dem Stichwort #Heldkannjeder haben wir ein Plakat gestaltet, auf dem die wichtigsten Erste-Hilfe-Maßnahmen abgebildet sind. Der Busverkehr Oder-Spree hat das jetzt in 93 Bussen aufgehängt und weitere Landkreise haben ihr Interesse bekundet. Wir wollen mit der Aktion Leute ermutigen, ihre Erste-Hilfe-Kenntnisse aufzufrischen und gleichzeitig auf ehrenamtliche Arbeit aufmerksam machen. Unter #Heldkannjeder können ehrenamtlich Aktive auf Social-Media-Plattformen über ihre Tätigkeit berichten und so vor allem junge Menschen motivieren, sich zu engagieren.

„Sich engagieren“ ist ein gutes Stichwort. Warum engagierst du dich?

Ich brauche eine Abwechslung zum Studium. Außerdem möchte ich auch Sachen lernen, die man im Studium nicht lernt. Die Vereinsarbeit ist auch deshalb so spannend, weil ich mit Leuten in Kontakt komme, die ich sonst im Studium nicht kennengelernt hätte, z.B. ElektrikerInnen oder InformatikerInnen. Wir haben bei Pépinièrezwar alle unterschiedliche Hintergründe, kommen aus anderen beruflichen Fachbereichen, aber dennoch verbindet uns ein gemeinsames Ziel: Wir wollen Erste-Hilfe-Kenntnisse kostenlos verbreiten.

Wie werden die Schulen auf euch und eure Arbeit aufmerksam?
Als der Verein 2016 in Frankfurt (Oder) gegründet wurde, haben wir viele Schulen angefragt. Nachdem die ersten Schulen unsere Projekttage umgesetzt hatten, hat sich das schnell rumgesprochen. Schulen kommen nun auf uns zu. Mittlerweile sind wir jeden Monat in einer anderen Schule.

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Reanimieren im Akkord: SchülerInnen lernen, wie sie im Notfall verantwortungsvoll handeln. Foto: Pépinière e.V.

Wie laufen die Projekttage in der Schule bei euch ab?

Unser Projekt dauert drei Tage. Vor Unterrichtsbeginn treffen wir uns in der Schule, um den Ablauf zu besprechen. Meistens finden die Eltern das, was wir machen, so toll, dass uns die Mütter Kuchen backen oder morgens schon ein Frühstück für uns bereitsteht. Jede/r von uns betreut eine Klasse. Wir gestalten dann vier oder fünf Unterrichtsstunden – also den kompletten Schultag. Es geht zuerst um die Frage: Woran erkenne ich, dass ein Mensch Hilfe braucht? Im nächsten Schritt wird dann mit den Kindern besprochen: Wie kann ich überhaupt helfen? Wir üben Herz-Druck-Massage mit Beatmung, Verbände und stabile Seitenlage und besprechen das wichtige Thema Eigenschutz im Notfall. Am nächsten Tag wird weitergeübt und wiederholt. Am letzten Tag ist dann die „Heldenprüfung“. An verschiedenen Stationen können die Kinder noch einmal zeigen, was sie in den letzten beiden Tagen gelernt haben und bekommen am Ende ein „Heldendiplom“. Manchmal gibt es dann noch eine feierliche Urkundenverleihung. Außerdem haben lokale Hilfsorganisation, wie beispielsweise die Feuerwehr oder das Technische Hilfswerk, die Möglichkeit sich und ihre Arbeit vorzustellen. So bekommen die Kinder einen guten Einblick in deren Tätigkeitsbereich.

Außerdem arbeiten wir mit dem Institut für Sozialmedizin der Charité zusammen. Wir haben eine Studie darüber begonnen, wie und was die Kinder in diesen drei Tagen lernen. Vor den Projekttagen füllen sie einen Fragebogen aus. Fragen sind zum Beispiel, ob sie helfen würden, wenn sie sehen, dass jemand Hilfe braucht oder ob sie schon einmal mit Erste-Hilfe-Maßnahmen in Kontakt gekommen sind. Nach den drei Tagen müssen sie den Fragebogen dann noch einmal ausfüllen. Mir ist dabei aufgefallen, dass sich die Hilfsbereitschaft der Kinder verändert. Vor dem Workshop kreuzen viele Kinder an, dass sie nur Leuten helfen würden, die sie kennen. Danach ist für die meisten selbstverständlich: Wir helfen allen, die Hilfe brauchen. Bei der „Heldenprüfung“ am dritten Tag überprüfen wir auch, wie gut die Kinder das, was sie gelernt haben, umsetzen können, ob beispielsweise der Druckverband schon richtig sitzt. Die dabei erhobenen Datensätze werden dann von uns ausgewertet.

Welche sind die einprägsamsten Erlebnisse in der Arbeit mit den Kindern?

Einige Male habe ich schon mit Klassen gearbeitet, in denen Flüchtlingskinder waren. Das war eine Überraschung für mich. Ich stand vor der Klasse und wusste, da sind zwei oder drei, die verstehen überhaupt nichts von dem, was ich sage. Als ich dann aber die Verbände verteilt und gesagt habe „So, jetzt macht mal!“, haben genau die Kinder, die kein Deutsch konnten, das perfekt umgesetzt. Sie hatten sich nur auf die Tätigkeit konzentriert, die ich vorgezeigt habe, während die anderen Mühe hatten sich auf das, was ich sage undtue, zu konzentrieren.

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Der Druckverband sitzt: Am Ende testen die Heldenmacherin das Wissen der SchülerInnen. Foto: Pépinière e.V.

Was motiviert dich, diese Arbeit zu machen?

Dass die Kinder so motiviert sind und so gerne mitmachen. Wenn man ihnen eine Frage stellt, will jede/r die Antwort sagen – anders als im Uniseminar, wo sich manchmal niemand meldet und man hin und wieder den Eindruck hat, dass eigentlich niemand freiwillig da ist.

Ein Ehrenamt ist sicher sehr zeitaufwendig und kann manchmal nervenaufreibend sein. Gab es schon Momente, an denen du dachtest: „Jetzt wird mir alles zu viel. Ich will nicht mehr“?

Ein bisschen. Im Studium habe ich viele Pflichtveranstaltungen und muss 85 Prozent der Zeit anwesend sein. Unsere Einsätze in den Schulen sind ja drei Tage durchgängig, und oft übernachten wir in den Schulen – ein bisschen wie eine Klassenfahrt. Das heißt, ich muss gut planen und oft auch Termine hin- und herschieben. Manchmal habe ich Angst, dass ich das alles nicht schaffe, aber irgendwie klappt es dann doch immer.

Hast du auch schon mit Erwachsenen gearbeitet?

Ja, mit Studierenden an der Europa-Universität in Frankfurt (Oder). Dort haben wir einen Weltrekord aufgestellt: 32 Nationalitäten, die gleichzeitig reanimieren! Nachdem wir das Erste-Hilfe-Wissen von allen wieder aufgefrischt hatten, wurde parallel reanimiert. Die Aktion war gedacht, um Studierende auf das Thema Erste Hilfe aufmerksam zu machen. Dabei haben die meisten gemerkt, dass der letzte Erste-Hilfe-Kurs schon länger her ist als gedacht.

Welche Aktionen habt ihr in Zukunft geplant?

Im Juni werden wir bei der Langen Nacht der Wissenschaften am Virchow-Klinikum der Charité in Wedding vertreten sein. Wir üben mit den TeilnehmerInnen vor allem die Reanimation und haben ein Erste-Hilfe-Quiz geplant.