Die erste Generation – Akademiker aus der Arbeiterklasse

„Sag mir, ob deine Eltern studiert haben und ich sag dir, wie du an der Uni zurechtkommst.“ Solche Sprüche scheinen in unserer Generation längst überholt. Die Deutschen gehen heute davon aus, dass der Bildungsgrad der Eltern für die akademische Ausbildung des Nachwuchses keine Rolle mehr spielt. Weit gefehlt. Wie fühlt es sich an, die Einzige in der Familie zu sein, die je einen Hörsaal betreten hat?

Die erste Generation: Johanna (20) hat als Kind einer Arbeiterfamilie den Sprung an die Universität geschafft. Trotzdem würde sie ihre Wurzeln nie leugnen: „Ich bin stolz, dass ich Teil einer Bauernfamilie bin.“

Über dem Hauptgebäude der Humboldt-Universität hängt das schönste Januargrau Berlins. Das Semester liegt in den letzten Zügen. Christin, kurzes Haar, hippe Brille, selbstbewusste Ausstrahlung, sitzt in der Eingangshalle. Dort, wo im Stundentakt Touristen einfallen, um Fotos von der berühmten Marmortreppe zu schießen. Sie ist in ihren riesigen Schal gewickelt und wärmt sich am Cappuccino. Ein Schluck nur, dann sprudeln die Sätze aus ihr heraus. Sofort wird klar, dass hier eine junge Frau spricht, die sich schon Gedanken gemacht hat über Chancengleichheit und ihren eigenen sozialen Hintergrund.

Die 25-Jährige studiert an der Humboldt-Universität Gender Studies im Master. Sie ist die erste und einzige Akademikerin in ihrer Familie. Nach dem Abitur, erzählt sie, war sie erst einmal komplett überfordert mit der Studienwahl. „Mein Vater hat öfter gesagt, ich soll doch einfach eine Ausbildung machen, aber ich war nie so wie der Rest meiner Familie. Warum sollte ich dann alles genauso machen wie sie?“

In Potsdam wurde sie damals für ein Soziologiestudium angenommen und war die erste in ihrer Familie, die den Unterschied lernen musste zwischen Cum Tempore und Sine Tempore, wie man Fußnoten in Hausarbeiten setzt und wozu rote Parkscheiben in Bibliotheken gut sein sollen. Fragen konnte sie in ihrer Familie niemanden, denn keiner hatte vor ihr jemals eine Vorlesung besucht.

Der Bildungstrichter ist für viele häufig zu eng

Ihre Eltern waren stolz, schon als sie das Abitur schaffte, wussten aber auch, dass sie die Tochter finanziell nicht unterstützen können. „Also habe ich gearbeitet und BAföG beantragt. Nach sechs Semestern war die 10.000 Euro -Schuldengrenze vom Bafög-Amt erreicht. Also musste ich für das letzte Semester noch einen Kredit aufnehmen.“

Wie Christin beginnen 21 von 100 Grundschulkindern aus Arbeiterfamilien ein Hochschulstudium. Bei Akademikerkindern sind es dagegen fast drei Viertel. Trotz einiger Fortschritte in den letzten Jahren, verbessert sich die Chancengleichheit für Studierende ohne akademischen Hintergrund nur langsam. Das hat erst kürzlich der Hochschul-Bildungs-Report der Unternehmensberatung McKinsey bestätigt.

Verfolgt man den Bildungsweg weiter, verengt sich der sogenannte Bildungstrichter bei Studierenden aus Nichtakademiker-Familien immer stärker. Am Ende bleibt einer von hundert Studierenden aus einem Arbeiterhaushalt, der promoviert. Bei Akademikerkindern sind es immerhin noch zehn von 100. „Ich will kein Mitleid“, sagt Christin, als sie diese Zahlen hört, „aber in manchen Situationen wird einem die soziale Klasse schon schlagartig bewusst.“

„Soll ich einen Monat lang kein Essen kaufen, um mir die Pflichtlektüre leisten zu können?“

Dieses Semester besucht sie ein Seminar in Wirtschaftswissenschaften. In der ersten Stunde stellte der Dozent die Literaturliste vor. Grundlage des Seminars ist ein Buch, das die Studierenden selbst kaufen müssen. Kostenpunkt: 75 Euro. Christin ist über den Preis immer noch fassungslos: „Wie soll man das bitte machen? Soll ich einen Monat lang kein Essen kaufen, um mir die Pflichtlektüre leisten zu können?“

Christin kennt diese unterschwellige Diskriminierung, wünscht sich aber manchmal auch mehr Verständnis von ihrer Familie. Ihr jüngerer Bruder verdient Geld, seitdem er 18 Jahre alt ist. „Dann kommen manchmal schon Sprüche, dass ich bereits 27 sei und immer noch kein Geld verdiene. Aber mir geht es nicht nur ums Geld, vielleicht werde ich auch irgendwann mehr Kohle verdienen als er.“ Ihre Mutter dagegen steht voll und ganz hinter ihr, meint sie. „Hauptsache es geht mir einmal besser als ihr.“

Wie fühlt sich das an, immer wieder von einem Register ins andere zu wechseln? Ist der Abstand wirklich so groß zwischen den beiden „Welten“, der Arbeiterfamilie und der Universität, wie es der französische Soziologe und Erstakademiker Didier Eribon in seinem Roman „Rückkehr nach Reims“ beschreibt? Aus Scham verschwieg er in akademischen Kreisen lange Zeit seine soziale Herkunft.

Selbstbewusst ins kalte Wasser springen

Für Johanna, 20, käme das nie in Frage. Sie ist gerade mal ein paar Wochen an der Uni eingeschrieben, ihre Großeltern betrieben bis vor kurzem einen Bauernhof in einem Dorf nahe Lübeck. Ihre Kindheit sei ein bisschen wie Bullerbü gewesen, sagt sie. Nun studiert sie in der größten Stadt Deutschlands. „Ich würde aber niemals verschweigen, wo ich herkomme. Ich bin stolz, dass ich Teil einer Bauernfamilie bin. Meine Großeltern sind schlaue Leute, obwohl sie nie studiert haben. Meine Oma zum Beispiel spricht fließend Englisch und ist sehr stolz auf mich.“

Kurz vor der fünften Klasse, als Johanna aufs Gymnasium gehen wollte, sagte man ihr in der Grundschule, sie solle lieber auf die Realschule gehen. Das Gymnasium würde sie sowieso nicht schaffen. Sie erinnert sich gut an diese Zeit. „Schon als kleines Kind habe ich gleich gesagt: Wenn ihr sagt, ich schaffe das nicht, dann zeige ich euch erst recht, dass ich es schaffe.“

Christin und Johanna, das sind nur zwei von vielen Studentinnen aus Arbeiterfamilien. Ihre Umstände unterscheiden sich, sie haben unterschiedliche Interessen und andere Erfahrungen gemacht. Und doch ähneln sich ihre Geschichten: Der Wunsch nach einer guten Bildung, die Motivation zu lernen, das Abitur zu machen, ein Studium anzufangen – der Antrieb für all das kam in erster Linie von ihnen selbst. Niemand drängte oder ermutigte sie, den nächsten Schritt zu wagen, im Gegenteil. Doch beide hatten genug Selbstvertrauen, ins kalte Wasser zu springen.

Wenn die akademischen Vorbilder fehlen

Was aber, wenn zwar die Möglichkeiten gegeben sind, aber die Entschlossenheit fehlt? Wenn man vorher gerne ein paar Ratschläge einholen würde, aber im direkten Umfeld niemand weiterhelfen kann, weil die Erfahrungen fehlen? Der Verein Arbeiterkind.de bietet Erststudierenden genau diese Unterstützung an. Weit über die Hälfte der MitarbeiterInnen waren ebenfalls in erster Generation an der Uni und geben an Infotelefonen, auf Bildungsmessen sowie an Schulen und Hochschulen ihre eigenen Erfahrungen weiter.

6000 Ehrenamtliche gibt es bundesweit. „Allen voran gilt es, Mut zu machen“, sagt Julia Kreutziger, Mitarbeiterin von Arbeiterkind.de. Für sie ist klar, warum sich noch immer deutlich weniger Arbeiterkinder für ein Studium entscheiden als Kinder aus Akademikerfamilien. „Es fehlt häufig an Informationen: Was ist ein Studium, wie kann ich mich einschreiben, wie finanziere ich das? Hinzu kommt das Thema Habitus, denn die Hochschule ist für viele nicht nur neu, sondern auch völlig fremd.“ Außerdem fehlen im Gegensatz zu Akademikerfamilien häufig die Vorbilder, meint sie. „Das Ziel ist nicht, dass alle mit Abitur studieren sollen. Jeder soll das machen, was er möchte, aber Kinder aus Arbeiterfamilien trauen sich häufig nicht.“

Christins Cappuccino muss eiskalt sein inzwischen. Sie hat wenig getrunken und viel gesprochen über gleiche Chancen und die Hürden, die es noch immer gibt. Von der ersten Klasse bis zur fertig ausgebildeten Akademikerin. Christin wusste immer schon, dass ihre Familie weniger Geld hatte als andere. Das habe genervt, aber durch das Studium könne sie viel leichter dazu stehen. „Es ist in Ordnung, ich muss mich dafür nicht schämen.“ Arbeiterkind zu sein, hat für sie nämlich nicht nur Nachteile. Sie habe früh angefangen zu arbeiten und musste sich alleine durch den BAföG-Dschungel kämpfen. Das hat sie selbstständig gemacht, sagt sie. Und trotzdem: „Den Lebensunterhalt von den Eltern zu bekommen und so Zeit zum Lernen zu haben, das ist schon beneidenswert.“