Die Dating-Dramen der Hauptstadt

Die Anonymität des Internets trägt zweifelsohne dazu bei, dass in Sachen Liebe bei uns jungen Menschen einiges aus dem Takt geraten ist. Auf unser Profil auf Tinder und Co. scheint gerade in Berlin niemand gewartet zu haben.

Dating-Dramen der Hauptstadt
In Sachen Liebe geht bei der Generation Y so einiges schief. Man will sich verlieben, bleibt am Ende aber unverbindlich und lieber für sich. Foto: David Schwier

„Sorry. Du hattest nie eine echte Chance. Ich steh’ eigentlich auf Araber.“

Nach fünf Dates flimmern diese Zeilen über den Bildschirm meines Handys. Sie wirken lieblos und nüchtern auf mich – und sie sollten die letzten Zeilen bleiben, die ich von Tobias* zu Gesicht bekomme. Ich seufze und mein Miene verfinstert sich. Für mich ist die Sache klar: Er ist einer wie alle anderen. Ich bin erneut zurückgewiesen worden und alle Kerle sind gleichermaßen selbstverliebte Arschlöcher. Meinem Gemütszustand hilft es kurzzeitig, dass ich das Handy auf die andere Seite meines Sofas werfe.

Tobias habe ich über PlanetRomeo kennengelernt – eine der in Deutschland am meisten verbreiteten Dating-Apps für schwule Männer. Alleine die Filter, mit denen man nach passenden Matches suchen kann, sind für viele Aussenstehende verstörend: Penisgröße und Fetische, die ethnische Herkunft oder die Frage, ob man in Sachen Safer Sex ab und an ein Auge zudrückt und das Gummi einfach weglässt.

Oft ist mir gar nicht mehr bewusst, wie ausgrenzend diese Jagd ist, die nur eine goldene Regel hat: Effizienz. Denn es muss schnell gehen. Sowohl beim Verlieben als auch beim Sex. Wer nicht gleich zu Beginn bombastisch performt, der wird kurzerhand aussortiert. Einen Menschen zu ergründen, ist so kaum noch möglich. Und doch schien es mir bislang, als würde es den Männern auf PlanetRomeo darum gehen, offen für neue Begegnungen abseits ihres Beuteschemas zu sein.

Tobias hat mich eines Besseren belehrt. Am Ende ging es weder um meinen Charakter, die gemeinsamen Interessen oder die Tatsache, dass man die gleiche Art Humor teilt. Nach einem Monat war mein Aussehen ausschlaggebend dafür, dass ich mit einem Einzeiler abgespeist und daraufhin geblockt wurde.

Die Deutschen daten gerne online

Dating-Apps boomen in Deutschland. Der Umsatz von Datingbörsen erreichte 2011 zum ersten Mal die Grenze von 200 Millionen Euro. Und die Tendenz ist rasant steigend. Im Januar 2016 waren circa 25 Prozent der deutschen Bevölkerung der Meinung, dass das Internet der beste Ort sei, um die große Liebe oder jedenfalls eine Partnerin oder einen Partner für eine längere Beziehung zu finden.

Aktuelle Umfragen zeigen, dass 35 Prozent der Befragten ihren Partner online kennengelernt haben. Und welche Dating-App ist derzeit die beliebteste? Ganz klar: Tinder. Interessant ist, dass im Jahr 2015 circa 62 Prozent der User Männer waren, die im Übrigen auch dreimal häufiger nach rechts wischen als Frauen. Weltweit hat Tinder rund 50 Millionen Nutzer – und täglich 22 Millionen Matches. In Deutschland nutzen die App circa zwei Millionen User. Doch nicht nur Tinder ist auf dem Dating-Markt beliebt; auch Grindr, die meistbesuchte Dating-App für homosexuelle und bisexuelle Männer, hatte vor einigen Jahren bereits knapp 200.000 Nutzer.

Du siehst seinen erigierten Penis, erst dann sein Gesicht

“Grindr verbindet dich ohne Umwege mit der Community, die jeden Tag stärker wächst”, postuliert der Dienst auf seiner eigenen Website. Dabei ist es ein ungeschriebenes Gesetz, dass die User dieser Dating-App vornehmlich schnellen und unverbindlichen Sex suchen.

Das scheinen auch die Entwickler im amerikanischen West Hollywood zu wissen und doch macht es den Eindruck, als ob sie mit dem Schmuddel-Image, das Grindr anhaftet, nicht in Verbindung gebracht werden wollen. Denn die App wird im Internet professionell und nüchtern als schwules Netzwerk angepriesen und nicht als Möglichkeit, schnellstmöglich seinen Durst nach körperlicher Nähe zu stillen.

Das erste, was ich vor einigen Jahren in einem Chat auf Grindr sehen durfte, war keine freundliche Anrede und auch kein schmeichelhaftes Kompliment. Ein Profil, auf dem nur ein glattrasierter und muskulöser Oberkörper zu sehen war, schickte mir Bilder eines mächtigen Penisses. Zu diesem Zeitpunkt wusste ich also, was dieser Kerl in der Hose hatte, kannte aber weder sein Gesicht noch seine Art zu schreiben.

Bilder von erigierten Geschlechtsteilen geschickt zu bekommen, ist en vogue. Wenn es nur um ein kurzes Intermezzo geht, will Mann alle Eventualitäten abgeklärt haben. Da darf ein Bild des besten Stückes nicht fehlen. „Grindr ist eben die beste Wahl, wenn du schnell und unkompliziert Druck ablassen möchtest“, platzte es kürzlich einem Date nach dem zweiten Drink heraus, nachdem ich mich über die Unverbindlichkeit ausgelassen hatte, die mit Grindr und Co. einhergeht.

Gefühle, die schon am nächsten Morgen Geschichte sind

So viele Dating-Geschichten sind im Umlauf, dass es eigentlich fast nichts mehr gibt, was unsere Generation noch schocken könnte. Ich als Frau kann davon ein Lied singen. Nachdem meine Liebe zu Itay* vor zwei Jahren ein Ende fand, bin ich nun wieder auf dem Single-Markt unterwegs – und dabei erfolgreich. Es kommt natürlich darauf an, wie man Erfolg definiert: Wenn man nur von der Anzahl der Dates spricht, dann ziehe ich eine positive Bilanz. Wenn man aber vom Herzschmerz spricht, der mit diesen Rendezvous einhergeht, dann bin ich von Erfolgen weit entfernt.

Da war zum Beispiel Matze*, den ich durch einen Job kennenlernte. Ich war fasziniert von ihm und wir kamen uns schnell näher. Unsere Affäre dauerte mehrere Monate, aber richtig aufeinander einlassen konnten wir uns nicht: er traf andere Frauen, ich andere Männer. Den Sommer verbrachte er auf Festivals und berichtete mir stundenlang von den besonderen Momenten, die er dort ohne mich erlebt hatte.

In einem Augenblick großer Zuneigung buchten wir Flüge für einen gemeinsamen Urlaub in den USA. Das gab mir Sicherheit und auch die Hoffnung, dass wir mehr waren als nur “friends with benefits”. Ich half ihm vor unserer Reise sogar noch, sein Zimmer zu renovieren. Nach getaner Arbeit hatten wir einen wunderschönen Abend, tanzten eng umschlungen in seiner Küche zu langsamer Musik und hatten aufregenden Sex.

Bereits am nächsten Tag folgte dann die Ernüchterung: Ich erhielt eine SMS, dass ihm alles zu schnell gehe. Er bat mich, ihm Bescheid zu geben, wie hoch die Kosten für die Stornierung der Flüge seien und er versprach mir, das Geld schnellstmöglich zu überweisen. Die Gründe für seine Entscheidung sind mir bis heute unklar. Von einer Sekunde auf die andere wurde ich meiner Illusion von diesem vermeintlich tollen Mann beraubt.

Beziehungsprobleme klären? Dann lieber fremdgehen!

„Berlin ist ein knüppelhartes Pflaster für die Liebe“, betet mir mein bester Freund in regelmäßigen Abständen vor. Auch er setzte auf den falschen Mann: Max* musste vor kurzem schmerzhaft feststellen, dass sein Freund heimlich ein Sex-Profil auf einer Dating-App angelegt hat. Angeblich weil er zu wenig Bestätigung von Max bekam.

Die Versuchung, in der digitalen Schwulenwelt schnell und bequem neue und vor allem besser passende Partner zu finden, siegt häufig über den Verstand. Denn dieser sollte einem eigentlich klarmachen, dass man im Zweifel mit seinem Partner über Probleme spricht anstatt ihn zu betrügen. Um in die Welt der Dating-Apps einzutauchen braucht es augenscheinlich viel weniger Überwindung, als im echten Leben gemeinsam an einer Lösung für Beziehungsprobleme zu arbeiten. Liebe droht zur Verhandlungsmasse zu werden, fast schon zu einer eiskalten Kosten-Nutzen-Rechnung.

„Für die bezahle ich bestimmt nicht“

Noam* traf ich für unser erstes Date klassisch in einer Bar. Wir begannen, relativ schnell über Politik zu diskutieren – ein großer Fehler. Es wurde emotional und sehr persönlich. Ich trank so schnell wie möglich meinen Drink aus und signalisierte, dass ich auf keinen Fall für ein weites Getränk bleiben würde.

Seine Antwort darauf: “Wärest du nicht so hübsch, wäre ich auch schon längst gegangen. Eigentlich spiele ich immer in der ersten Liga und gebe mich mit der Regionalliga nicht zufrieden.” Damit war das Date selbstverständlich gelaufen. Wir zahlten rasch. Als uns der Barkeeper den Betrag nannte, suchte ich etwas zu lange in meinem Geldbeutel, sodass meinem Date der Tipp gegeben wurde, doch einfach für mich zu bezahlen. Das gab ihm die Vorlage, noch einen draufzusetzen: “Für die bezahle ich bestimmt nicht.”

Wir werden keine besseren Menschen, wenn wir Tinder und Co. verdammen

Sex für eine Nacht und ohne jede Verpflichtung ist durch das Online-Dating genauso einfach geworden wie eine Pizza beim Lieferservice zu bestellen. Doch was kommt danach? Wir glauben: meistens Erwartungen an die andere Person, die sie nicht erfüllen kann oder möchte. Liegt es also an den Apps oder liegt es an der Anonymität der Großstadt, dass unsere Bindungsangst so groß ist?

Die meisten von uns waren oder sind auf Dating-Portalen unterwegs. Wir können uns nicht davon freisprechen, nicht auch einmal jemanden vorschnell fallen gelassen zu haben. Und wir alle haben schon einmal für eine Nacht in Betten geschlafen, in denen wir vielleicht besser nie hätten schlafen sollen.

Wir müssen uns eingestehen, dass wir nicht zu besseren Menschen werden, wenn wir digitales Dating verteufeln. Vielmehr geht es darum, den richtigen Umgang mit Tinder und Co. zu lernen. Unter Umständen öffnet das unsere Augen für ein Profil, das tatsächlich auf uns gewartet hat.

*Namen von der Redaktion geändert